Tour du Mont Blanc – in zehn Etappen um den weissen Riesen
Trient heisst das kleine Walliser Dorf, in dem die Tour um den Mont Blanc startet. Winzig mag man sich als Mensch an diesem abgelegenen Ort fühlen, wo Berghänge steil in die Höhe wachsen und Schatten lange im Tal liegen.
Vielleicht ist gerade deshalb die imposante Kirche vor über hundert Jahren rosarot gestrichen worden: Damit sie voller Inbrunst leuchtet, wenn die Sonne hinter den Bergen aufsteigt und ihre Strahlen ins Tal schickt. Denn die neue Kirche war für die Bewohnerinnen und Bewohner von Trient ein Segen. Hatten sie doch vorher zum Gottesdienst ins Rhonetal nach Martigny gehen müssen, einmal über den Berg.
Zehn Etappen warten auf Sie, bis Sie die rosa Kirche von Trient am Schluss der Umrundung des Mont Blanc-Massivs wieder zu Gesicht bekommen. Zehn Etappen durch blühende Alpwiesen und charmante Bergsteigerdörfer, über archaische Geröllhänge und himmelnahe Pässe, vorbei an blauen Bergseen und glitzernden Gletschern. Die Umrundung des Mont Blancs im Dreiländereck Schweiz, Frankreich und Italien gleicht einem Tanz um einen weissen Giganten, der sich nur sporadisch zeigt: Manchmal versteckt er sich hinter anderen Gipfeln, manchmal in Wolken oder im Nebel.
Vielleicht gerade deshalb ist es seit eh und je Traum und Ziel vieler Alpinisten, auf seinem Gipfel zu stehen. Die ersten Menschen auf dem Dach der Alpen waren im Jahr 1786 zwei Franzosen: der Gamsjäger Jacques Balmat und den Arzt Michel-Gabriel Paccard. Bisher hatte der Mont Blanc den Beinamen montagne maudite getragen. Verfluchter Berg. Es hiess, im ewigen Eis seines Gipfels hausten böse Geister. Kein Mensch könne ihn je erklimmen. Nun war der Bann gebrochen und der Startschuss für weitere Expeditionen gegeben.
Auf einer Blumenwiese mit Blick auf Mont Blanc
Es muss nicht partout der Gipfel sein. Auch eine Tour rund um das Massiv ist ein unvergessliches Abenteuer, erfüllt mit Zufriedenheit und Glück. Die erste Umrundung geht auf den Genfer Naturforscher Horace Bénédict de Saussure im Jahr 1761 zurück und war bestimmt kein Zuckerschlecken. Heute sind die Hochgebirgswege rund um den Mont Blanc hervorragend ausgebaut und ausgeschildert. Trotzdem braucht es für die Bewältigung des Westalpenklassikers mit seinen ca. 160 km und 20'000 hm Ausdauer, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.
Los geht's!
Sie starten im Gegenuhrzeigersinn zum grossen Abenteuer. Ein letzter Blick auf die rosa Kirche von Trient, dann erklimmen Sie den Col de Balme. Auf diesem 2230 m hohen Saumpass überschreiten Sie die Grenze nach Frankreich. Stärken Sie sich in der urigen Berghütte mit einer Tartiflette –ein traditionelles Kartoffelgericht mit Speck und Reblochon-Käse – und geniessen Sie den Blick auf die weisse Kuppe des Mont Blancs und ins Tal von Chamonix.
Berghütte auf dem Col de Balme
Schon bald folgt einer der spektakulärsten Streckenabschnitte der ganzen Tour: Er liegt zwischen Argentière und Chamonix. Auf gut gesicherten Leitern steigen Sie an steilen Felswänden empor, als führten die Stufen zum Himmel. Ganz so weit klettern Sie allerdings nicht; aber immerhin bis zum Naturschutzgebiet der Aiguilles Rouges mit dem idyllischen See Lac Blanc. In der gleichnamigen Berghütte im Liegestuhl das Panorama und ein Stück feinen Heidelbeerkuchen geniessen, was gibt es Schöneres?
Nach der Panoramawanderung über den Grand Balcon, der seinem Namen mit der wunderbaren Aussicht alle Ehre macht, schweben Sie von Plan Praz hinunter nach Chamonix. Nicht mit einem Gleitschirm, von denen hier unzählige über dem Tal kreisen, sondern mit der Gondelbahn.
Wanderer am Lac Blanc
Wem gehört der Mont Blanc?
Im charmanten Bergsteigermekka Chamonix mit freiem Blick auf den Mont Blanc sei durchaus die Frage erlaubt, wem der höchste Berg der Alpen eigentlich gehöre: Frankreich, der Schweiz oder Italien? Nun, Anteil am weissen Riesen haben sie alle. Doch der Gipfel gehört dem kleinen Ort Saint-Gervais-les-Bains unweit von Chamonix, also Frankreich. Obwohl man ihn von dort paradoxerweise gar nicht sieht.
Mit der besten Aussicht auf den Mont Blanc werben allerdings viele, so auch die Panoramaplattform auf dem Col du Brévent (2368m). Eine Seilbahn bringt Ausflügler und Mont Blanc-Umwandernde in die Höhe, zu Fuss ist die Plattform nun schnell erreicht. Was für ein Blick: Die eisige Nordflanke des Mont Blanc scheint zum Greifen nah! Und mit etwas Glück erspäht man zwischen Steinblöcken Steinböcke. Sollten Sie die majestätischen Tiere hier nicht zu Gesicht bekommen, so spätestens beim Abstieg im Alpen-Wildpark Merlet. Eindrücklich nicht nur diese erhabenen Tiere mit ihren eindrucksvollen Hörnern, sondern auch von Menschenhand Geschaffenes: Unterwegs grüsst hoch über der Gemeinde Les Houches die 25 m hohe Christus-König-Riesenstatue Christ-Roi.
Weiter Richtung Süden
Ein aussichtsreicher Höhenweg zwischen Les Houches und Les Contamines führt zu einer abenteuerlichen Hängebrücke, die den rauschenden Wildbach Torrent de Bionnassay überspannt. Hinter der Brücke erspähen Sie den gleichnamigen Gletscher und – wieder aus einer anderen Perspektive – den Mont Blanc. Wieder festen Boden unter den Füssen, wandern Sie über blühende Bergwiesen über den Pass Col de Tricot (2120m) nach Saint-Gervais-les-Bains. Jenem Ort, dem der Gipfel des Mont Blanc gehört, obwohl man ihn nicht sieht.
Der Ort war schon zu Römerzeiten für seine Heilbäder bekannt. Heute macht er auch mit der Zahnradbahn Tramway du Mont Blanc von sich reden, die bis auf 2386 m ins Bergmassiv hinauffährt, etwa zum Nid d’Aigle, dem Adlernest. Es scheint, als solle zumindest der direkte Zugang zum weissen Riesen gewährleistet sein, wenn schon der direkte Blick verwehrt bleibt. Sie jedoch wandern im Talgrund nach Les Contamines weiter. Der Ort ist bekannt für seine exquisiten Savoyer Alpkäsesorten. Geniessen Sie Ihren Lieblingskäse und stossen Sie mit einem Glas französischen Wein an. Es gibt nämlich etwas zu feiern: Bald haben Sie den südlichsten Punkt der Tour erreicht.
Wildbach Torrent de Bionnassay
Reiner Zufall, dass bei ungefähr Streckenhälfte wieder eine auffallende Kirche die Wandernden empfängt? Sie ist nicht rosarot, sondern weiss gestrichen, heisst Notre Dame de la Gorge und steht am Südende des Val Montjoie. Die Kirche am Eingang zum Hochgebirge hatte einst eine spezielle Bedeutung: Bevor Reisende in Richtung Berge aufbrachen, beteten sie hier für Sicherheit und Schutz.
Damals wie heute führt ein langer Anstieg ins Hochgebirge, zum Col du Bonhomme (2320m). Von dort aus geht es auf einem felsigen Höhenweg weiter zum gleichnamigen Pass (2450m). Eine letzte Stärkung im charmanten Refuge de la Croix du Bonhomme aus Holz und Stein, dann wandern Sie über Alpwiesen ins Vallée des Glaciers, das Tal der Gletscher. Kein Wunder, sind die Gleschter in der Mehrzahl genannt. Das Mont Blanc-Massiv zählt rund 50 Gletscher.
Mont Blanc-Wanderinnen auf dem Col de la Seigne
Ist es nur Einbildung oder fühlen Sie im Tal der Gletscher tatsächliche einen kühlen Lufthauch? Bestimmt wird Ihnen beim Aufstieg zum Col de la Seigne (2516m) wieder warm. Über diesen kargen, fast vegetationslosen Pass verläuft die französisch-italienische Grenze. Nichts lenkt in dieser archaischen Welt vom Blick auf die Eisriesen Aiguilles des Glaciers, Aiguille de Tré la Tête und Grand Combin ab. Wahrhaft grosses Kino!
Nach dem Verlassen des Passes wird die Welt wieder farbig. Wie bunt beim Abstieg die Blumen in den Alpwiesen leuchten! Fast übersieht man vor lauter Staunen das Rifugio Elisabetta, das erhaben etwas erhöht am Hang thront. Der Aufstieg zur Bergsteigerhütte lohnt sich für die traditionellen Gerichte wie etwa dampfende Polenta. Und für die phänomenale Aussicht zum Monte Bianco, wie der Mont Blanc in Italien heisst.
Im Rifugio Elisabetta sind Sie den Gletschern sehr nah
Haben wir Ihr Interesse geweckt?
Belohnung italienischer Art
Die Perspektive ist wieder eine andere, der weisse Gigant zeigt nun seine steile, schroffe Südseite. Man erahnt etwas von der montage maudite, dem verfluchten, unzugänglichen Berg. Doch bald verziehen sich die düsteren Gedankenwolken. Angesichts der türkisblau leuchtenden Gletscherseen Lacs de Miage im lieblich grünen Tal hüpft das Herz. Bis nach Courmayeur im Aostatal ist es dank einem Transfer nicht mehr weit. Gerne lässt man sich vom überraschenden Charme des bekannten Alpinisten- und Touristenort verführen und schlendert trotz müder Beine durch die hübschen Gassen. Belohnt wird man mit den vielleicht besten Gelati der Welt.
Idyllische Landschaft im Val Veny
Zurück in die Schweiz (oder Kanada?)
Der Berg ruft. Ein langer Aufstieg, dann mündet der Pfad in einen attraktiven Höhenweg. Vorbei an den Berghütten Rifugio Bertone und Rifugio Bonnati wandern Sie mit Blick aufs Mont Blanc-Massiv ins italienische Val Ferret. Bald heisst es Abschied nehmen von Italien. Über den Saumpass Col Ferret (2536m) führt die Route zurück in die Schweiz, ins Wallis. Über Blumenwiesen und durch Weiler mit typischen Steindörfern geht es gemütlich durch das liebliche schweizerische Val Ferret. Vorbei an Alphütten, wo man sich mit Käse aus eigener Produktion stärken kann, schlendern Sie ins sympathische Dorf La Fouly.
Eine Weile lang sprudelt seitlich der blaue Bergfluss Dranse. Dann wandern Sie auf dem Murmeltierpfad nach Champex hinauf und wähnen sich in einer anderen Welt. Weite Wälder prägen das Bild, kristallklare Seen leuchten mystisch in den Lichtungen. «Das kleine Kanada» wird diese zauberhafte Gegend liebevoll genannt. Dort, zwischen den Bäumen, der pelzige braune Kerl! Ist das vielleicht ein Bär? Oder eher ein grosses, zottiges Murmeltier?
Attraktiver Höhenweg mit Blick auf den Mont Blanc
Wenn Sie wenig später über hochgelegene Alpwiesen streifen, begegnen Sie gewiss noch anderen typischen Einheimischen: etwa prächtigen schwarzen Eringer-Kühen. Diese traditionelle Walliser Viehrasse hat einen überaus starken Sinn für Rangordnung und ist darum ausgesprochen kampflustig. In gerne besuchten Kuhkämpfen wird die Königin unter den Walliser Ringkampfkühen erkoren. Faszinierende Tiere. Werfen Sie trotzdem einen Blick in die Weite, denn jetzt breitet sich das Rhonetal vor Ihnen aus und verheisst: das Ziel dieser 10-tägigen Wanderung rund um den Mont Blanc ist nicht mehr weit.
Ein letzter Anstieg stellt sich Ihnen in den Weg. Kein geringerer als jener zum Fenêtre d’Arpette auf 2665 m. Es ist der höchste Punkt der ganzen Tour. Wie erhaben der Blick durch das «Fenster» hinüber nach Trient und seinen Gletscher. Im Dorf leuchtet rosa die Kirche in der Sonne. Zum Schluss wandern Sie über den Col de la Forclaz (1527m), den letzten Pass dieser Tour. Dann schliesst sich der grosse Kreis um den Mont Blanc. Und vielleicht gehört er dann weder Frankreich, Italien noch der Schweiz – sondern ganz allein Ihnen.
Eringer-Kühe im Alpental bei Arpettes