Alpenpässeweg

Der Alpenpässeweg von Chur über Olivone und Ulrichen nach Zinal gehört zu den schönsten Fernwanderungen der Schweiz und des ganzen Alpenbogens. Auf der langen Reise durch die Bündner und Walliser Alpen lernt man die eindrucksvollsten Passübergänge kennen, und oft taucht man auf der anderen Seite in eine ganz andere Landschaft ein, als jene, die man gerade verlassen hat. Unberührtheit, Stille, Licht, grandiose Ausblicke, Bergseen, Wasserläufe, alpine Pflanzen, scheue Tiere und unzählige Berggipfel begleiten den Wanderer unterwegs. Und jeder Alpenpass, so bedeutend oder unbedeutend er scheinen mag, erzählt eine ganz eigene Geschichte, sei es im grossen historischen Rahmen oder auch nur regional.

 

Erfahrung mit mehrtägigen Touren und Grundkondition sind für dieses Vorhaben von Vorteil. Trittsicherheit braucht es vor allem für die steilen Auf- und Abstiege der Tessiner Pässe, Schwindelfreiheit auf dem letzten Abschnitt im Wallis.

 

Die Fernwandertour startet in Chur, von wo es mit der Rhätischen Bahn nach Bonaduz geht. Das erste Naturhighlight ist die Rheinschlucht, die 13 Kilometer lange und 400 Meter tiefe Schlucht. Sie entstand nach dem Flimser Bergsturz vor rund 10'000 Jahren. Von der Brücke aus, die durch das Versamer Tobel führt, ist die Aussicht besonders eindrücklich.

Die Wanderung ab Versam führt vorbei an Valendas, dem Tor zum mystischen Safiental, wo der grösste historische Holzbrunnen Europas steht. Einst war er der einzige Brunnen im Ort und diente auch als Tränke für das Vieh. Mehr als hundert Tiere sollen sich oft um den Brunnen gedrängt haben. In Ilanz, der ersten Stadt am Rhein, bringt das Postauto die Wanderer ins Val Lumnezia oder Lugnez. Das stille Tal des Lichts mit seinen weitläufigen Wiesenhängen, auf denen einzelne Ställe wie von grosser Hand verstreut liegen, wartet mit einigen kulturellen Kleinoden auf. Vrin etwa erhielt für sein intaktes Ortsbild den Wakker-Preis. Alte und sorgfältig integrierte moderne Holzhäuser fügen sich zu einem harmonischen Ganzen.

Nun geht’s aufwärts zur stillen Greina-Hochebene auf 2200 müM, um die es nicht immer still war. Die Naturlandschaft mit ihren vielen Bächen, den kleinen Seen und Hochmoren war einst nach Protesten gegen ein Wasserkraftprojekt mit Stausee unter Schutz gestellt worden. In dieser himmelnahen Abgeschiedenheit findet sich ein fast kontinentales Mikroklima, das an eine Tundra erinnert. Ob die Römer schon Augen dafür hatten? Der weitläufige Alpenübergang zwischen Graubünden und Tessin wurde jedenfalls erwiesenermassen schon zu Römerzeiten rege genutzt.

Von der Abgeschiedenheit der Greina steigen die Wanderer nun 1400 Höhenmeter ab und durchschreiten dabei mehrere Vegetationsstufen. Die Gesteinswelt hinter sich lassend, geht es über Wiesen und Alpland bis zum Waldgürtel im Tessin. Nun heisst es im langen Tal «ausrollen» bis nach Olivone im Valle di Blenio, wo sich eine Pause nicht nur wegen der müden Beine, sondern vor allem wegen des hübschen Ortsbildes und den gemütlichen Tessiner Wirtschaften mit regionalen Spezialitäten lohnt.

Gestärkt und ausgeruht lassen die Wanderer den Talgrund hinter sich und nehmen Schritt für Schritt den Anstieg Richtung Lukmanierpass unter die Füsse. Der Wanderweg führt durch geschützte Sumpfgebiete mit vielfältiger Alpenfauna und -flora und faszinierenden Karsterscheinungen. Von der Capanna Alpina di Dötra geniesst man einen herrlichen Blick auf das Rheinwaldhorn und die Tessiner Alpen.

Im Verlaufe des weiteren Weges wechselt das Gestein von Sediment zu Granit, und man gelangt ins Val Piora, eine Hochebene, die zu den stillsten und weitesten der Schweiz zählt. Und um bei den Superlativen zu bleiben: Eine der steilsten Standseilbahnen der Welt bringt die Wandersleute vom Val Piora hinunter in die Leventina nach Airolo. Hoch über dem Talgrund verläuft der Panoramaweg von Pesciüm nach All’Acqua. Lichte Lärchenwälder und hübsche kleine Dörfer prägen das Bild. Nicht, dass hier nur Tessiner Häuser stehen würden, immer wieder trifft man auch auf Holzhäuser wie sie fürs Wallis typisch sind.

Nun führt die Route durch das Val Corno zum gleichnamigen Passo del Corno hinauf. Geologisch Interessierte werden auf dem Griespass an den Graniteinschlüssen im Schiefer ihre Freude haben. Sehenswert ist hier aber auch der leuchtend blaue Griessee, der weich in die gletschernahe Gebirgswelt eingebettet ist. Auf dem langen Abstieg ins Goms bleibt genügend Zeit, die erhabenen Bilder in der Erinnerung abzulegen und sich gedanklich aufs Wallis einzustellen.

 

Auch im Wallis verbindet der Alpenpässeweg die schönsten Täler und quert dabei viele attraktive Übergänge. Das verträumte Flusstal Goms mit der noch jungen Rhone und den typischen Walsersiedlungen ist eine Welt für sich. Wälder, Alpwiesen und sonnengegerbte Holzspeicher prägen das Bild. Die Route führt fast höhehaltend den Berghängen des weiten Tals entlang. Urplötzlich begegnet man in diesem entlegenen Tal dem Urschweizer Wilhelm Tell: In Ernen am Tellenhaus prangt das älteste Bild des Schweizer Nationalhelden. Doch hier wird nicht lange verweilt, die Wanderung führt durch die Twingischlucht ins Binntal, das für seine Mineralien bekannt ist.

Eine der schönsten Passwanderungen führt über den Saflischpass, von dem aus sich auf dieser Fernwanderung der erste atemberaubende Blick auf die Walliser Viertausender offenbart. Rosswald unterhalb des Passes liegt auf einer herrlichen Sonnenterrasse mit Blick übers Rhonetal. Eine unvergleichliche Aussicht bietet sich auf der ganzen folgenden Etappe zum Simplonpass, die zum Schluss auf der Passstrassengalerie verläuft. Über diesen Pass wälzte sich nicht immer der motorisierte Verkehr. Schon im Mittelalter führte über den Simplon eine wichtige Handelsroute, die in den folgenden Jahrhunderten zu einem Saumweg verkam. Erst im 17. Jahrhundert baute der Briger Handelsmann Kaspar Stockalper die Route wieder zu einem rege genutzten Handelsweg aus. Kein geringerer als Napoleon Bonaparte liess eine Strasse über den für ihn strategisch wichtigen Pass bauen. Und so wurde 1805 die erste befahrbare Passstrasse in den westlichen Alpen eröffnet

Doch auf der Wanderreise über die schönsten Alpenpässe verlässt man den Simplonpass Richtung Bistinenpass. Was für ein Panorama: Das Auge reicht von den Berner Alpen zu den Mischabelgipfeln mit dem höchsten Schweizer Berg, dem 4545 m hohen, ewig weissen Dom. Als wollte die Tour gegen Ende hin die Beine der Wandersleute schonen, führt die Route als Höhenwanderung im Oberwallis fast ebenaus Richtung Saas-Fee. Gut so, denn man kann den Blick beim Wandern kaum von der grandiosen Kette der Viertausender lösen.

Den Abschluss der Fernwanderung über die schönsten Alpenpässe macht ein recht anspruchsvolles Wegstück: Der Höhenweg zwischen Saas-Fee und Grächen hat es in sich. Er ist sehr exponiert, zum Glück sind einige Abschnitte jedoch mit Drahtseil gesichert. Der Blick hinunter ins Saasertal und in die Ferne zu Fletschhorn, Gagginhorn und Weissmies ist ein krönender Abschluss dieser Alpenpässewanderung.

Wanderreisen entlang des Alpenpässewegs