E-Bike-Genusstour "Höhen & Horizonte"

Auf der Route Verte von Balsthal nach Couvet

Auf der Route Verte, der neuen E-Bike-Tour, die vom Regionalen Naturpark Schaffhausen bis vor die Tore Genfs führt, reiht sich ein Naturjuwel ans nächste. Für das Projekt haben sich sechs Schweizer Naturpärke mit vielen landschaftlichen, kulturellen und historischen Attraktionen zusammengetan. Auch auf der verkürzten 4-tägigen Genussroute «Höhen & Horizonte» vom solothurnischen Balsthal nach Couvet im Kanton Neuenburg entdeckt man am Jurabogen unzählige Schätze. Dank kürzerer Etappen zwischen 35 und 50 km bleibt viel Zeit, die Pärke zu entdecken, von der Kunstinstallation im Wald über ein Haar und Kamm-Museum und die Obstgärten der Ajoie bis hin zu geheimnisvollen Trockenmauern, einem Pestfriedhof und den Pferden auf den Wytweiden in den Freibergen. Dabei fährt man ganz unbeschwert, denn das Gepäck reist mit dem Transportservice stets voraus zur nächsten Unterkunft.

Günther Lämmerer

Das Burgendorf Balsthal im Herzen des Naturparks Thal ist von bewaldeten Jurahügeln mit tiefen Schluchten und senkrechte Klusen umgeben. Ein idealer Ausgangsort, stehen doch auf den Anhöhen ringsumher Ruinen wie stumme Wächter, die den Reisenden Geleit geben. Dies ist durchaus willkommen, denn bereits auf der ersten Etappe nach Delémont gilt es mit dem Passwang (943m) einen ansehnlichen Pass zu überwinden. Doch mit den E-Bikes ist die Steigung kein Problem. Und überhaupt: Schon kurz nach Balsthal empfiehlt sich der erste Halt. Zu Fuss geht es im Wald auf den Holzweg. Nicht, dass man sich auf einem Irrweg befände. Der Holzweg Thal ist die meistbesuchte Attraktion des Naturparks Thal, durch den die Route Verte führt. Von Künstler Sammy Deichmann geschaffene, im Wald eingebettete Installationen lassen Besucher die Themen Holz und Wald mit allen Sinnen erfahren. So ist etwa die Installation ‘Holzklang’ ein Steg, über dem rote Holzpfähle hängen wie ein dichter Vorhang. Schreitet man hindurch, schlagen die Rundhölzer sachte aneinander und erzeugen weiche Klänge, die sich geheimnisvoll im Wald verlieren.

Kaum sitzt man wieder richtig im Velosattel und strampelt vorbei an sattgrünen Wiesen aufwärts Richtung Passwang, verleitet in Mümliswil ein ganz besonderes kulturelles Kleinod zum nächsten Zwischenstopp. Das liebevoll gestaltete Museum Haarundkamm mit der sorgfältig nachgebauten Werkstatt erzählt von Zeiten, als das Dorf ein international bedeutendes industrielles Zentrum war. In der hiesigen Fabrik fertigte man Kämme aus Schildpatt und Horn für die Haute Volée ganz Europas, sogar für den spanischen Hof und Queen Viktoria von England. Zögerlich setzt man nach so viel bewunderter Frisierkunst den Helm für die Weiterfahrt auf. Über ein paar weite Kehren erreicht man die Passhöhe. Durch einen kleinen Tunnel geht es ins Nachbartal und in langer Schussfahrt über die Sprachgrenze hinweg der jurassischen Hauptstadt Delémont entgegen.

Am nächsten Tag warten gleich zwei Pässe auf die wackeren E-Biker. Mit dem Col des Rangiers (856m) überquert man eine weitere Jurakette und taucht in die Ajoie mit ihren Obstgärten ein. Hier ist die Damassine zu Hause. Die zartrote Damaszenerpflaume zählt zu den ältesten Pflaumensorten und wurde zur Zeit der Kreuzzüge aus dem Orient nach Europa gebracht. Ein Abstecher nach Cornol in die Distillerie Schneider lohnt sich. Die exquisiten Branntweine und Schnäpse aus dem Familienbetrieb sind weit über die Region hinaus bekannt, einige wurden sogar mit Goldmedaillen ausgezeichnet. Bei der Degustation sollte man nicht mehr als die Zungenspitze baden, denn die E-Bike-Etappe ist hier noch nicht zu Ende. Im Gegenteil. Doch dank der Akkus, die man bei der letzten Einkehr aufgeladen hat, ist die lange Steigung hinauf zum Col de la Croix (789m) gut zu bewältigen. Der Blick auf der Passhöhe über die scheinbar endlose bewaldete Hügellandschaft beschert dem Betrachter eine tiefe Ruhe und Entrücktheit. Und auf der langen Abfahrt ins stille Tal des Doubs fühlt man sich fast ein wenig wie ein Adler, der am Himmel kreist.

Im weichen Abendlicht radelt man für ein paar Kilometer dem idyllischen Grenzfluss im Parc du Doubs entlang und erreicht bald das charmante mittelalterliche St-Ursanne. Über die steinerne Bogenbrücke rollt man ins mittelalterliche Städtchen, wo vor der Kathedrale ein Gärtner Blumen am Brunnen giesst und ein Maler an seiner Staffelei die abendliche Idylle mit einem Pinsel auf der Leinwand festhält. Auf einer Terrasse am Doubs oder im Städtchen gönnt man sich ein einheimisches Bier oder besucht die junge Brauerei Tonnebière ausserhalb des Ortes, die hauptsächlich mit Rohstoffen aus dem Parc du Doubs braut und sich in wenigen Jahren zu einer der innovativsten und wichtigsten im Kanton Jura gemausert hat.  

Schweiz. ganz natuerlich. eBiker Paar geniesst die Abendstimmung bei Montmelon.
Schweiz. ganz natuerlich. eBiker Paar unterwegs mit Blick zurueck zum "Sous la Neuvevie" Bauernhof bei Saignelegier.

Nach dem Frühstück wird das Gepäck für den Transportservice an der Rezeption deponiert. Dann geht’s mit dem E-Bike durch das tief eingeschnittene Tal des Doubs, vorbei an Wiesen und Feldern, die nach frühem Morgen durften. Bald führt ein knackiger Anstieg aufs Hochplateau der Freiberge hinauf, eine sanft gewellte Landschaft mit weiss getünchten Bauernhäusern, weiten Wiesen, hohen Juratannen und weidenden Freiberger Pferden. Kurz nach Saignelégier führt die Route vorbei am Naturweiher Etang de la Gruère. Baden darf man hier nicht, aber ein Spaziergang auf den weichen, fast federnden Wegen des Naturschutzgebietes lohnt sich unbedingt. Auf dem geheimnisvoll schwarzen Wasser dümpelt eine Entenmutter mit ihren Jungen. Es duftet betörend nach Moor.

Schweiz. ganz natuerlich. eBiker Paar in Mitten von Pferden bei Thierry Froidevaux vom "Sous la Neuvevie" Bauernhof bei Saignelegier.

Neben den typischen Juratannen und Freiberger Pferden prägen die schönen langen Trockensteinmauern das Landschaftsbild. Einige stammen von den Mennoniten, die ab dem 16 Jahrhundert wegen ihres Glaubens verfolgt wurden und z.B. aus dem Emmental auf die kargen Jurahöhen flüchteten. Mit Erlaubnis des Bischofs von Basel durften sie sich in den Freibergen niederlassen und das unerschlossene, karge, hochgelegene Land urbar machen. Wobei es hier durchaus liebliche Regionen gibt, wie etwa La Chaux-d’Abel mit den sanft gewellten Wiesen, fruchtbaren Wiesen, die auf Wasserreichtum schliessen lassen. Früher, so heisst es, nannte man die Gegend Aqua Bella wegen der Weiher, die es hier gab, Land des schönen Wassers. Vielleicht kommt daher auch der Name: Chaux bedeutet Kalk und steht für den kalkhaltigen Boden; Abel könnte auf Aqua Bella zurückgehen.

Unweit von der ausgeschilderten Route steht umgeben von Trockensteinmauern eine Ansammlung hoher Linden. Der Pestfriedhof von Le Boéchet nahe der Gemeinde Les Bois. Während der Pestepidemie im 17. Jahrhundert wurden die Opfer ausserhalb der Dörfer begraben. Durch das alte schmideiserne Tor betritt man auf den verwunschenen Gottesacker. Im Schatten der Baumkronen ragen verwitterte Grabsteine aus dem kniehohen Gras. Gerne setzt man sich für ein Picknick an die sonnenwarme Mauer und geniesst ein Stück Petit Chaux d’Abel oder Tête de Moine, beides hiesige Käsesorten. Sie stammen aus lokalen Käsereien wie dem Familienbetrieb in La Chaux d’Abel, wo die grossen Laibe bis zum Verkauf im Keller reifen.

Gut gestärkt ist man bereit für die letzte Herausforderung des Tages: Der lange Anstieg hinauf zur Auberge de l’Assesseur auf dem Mont-Soleil im Regionalen Naturpark Chasseral hat es in sich. Er ist aber mit dem E-Bike gut zu schaffen und belohnt mit einem prächtigen Panorama! Bei guter Sicht reicht der 360-Grad-Blick zu den Vogesen, zum Schwarzwald, zum Chasseral und zum Mont Blanc. Im geschmackvoll renovierten Bauernhaus L’Auberge de l’Assesseur, einem stimmungsvollen Gasthof mit Herberge, lässt es sich nach einer feinen Butterrösti mit Bauernschinken herrlich nächtigen.

Die letzte Etappe der Route Verte-Genussroute ist ein Zuckerschlecken und gerade richtig zum Ausfahren, denn sie führt hauptsächlich bergab. Auf dem Mont-Soleil lohnt es sich, richtig früh aufzustehen und den Sonnenaufgang über dem nahen Chasseral zu geniessen. Im Westen liegen derweil die Morgennebel im Tal über La Chaux-d’Abel, der zauberhaften Region der schönen Wasser.

Der Chasseral begleitet die wackeren Biker auf der langen Abfahrt hinunter nach La Chaux-de-Fonds. Als wolle er ihnen auf den letzten Kilometern der E-Bike-Tour Geleit geben. Bald erreicht man die Uhrenmetropole, diese einzigartige Zeugin einer blühenden Industrieepoche. Und offen gestanden bremst man hier die Fahrt nur ab, um sich die UNESCO Weltkulturerbe-Altstadt, die faszinierende schachbrettartige Stadtstruktur und das grösste Uhrenmuseum der Welt nicht entgehen zu lassen. Dann flugs wieder aufs Bike gestiegen für die letzten Kilometer durchs Vallée de la Sagne und der Areuse entlang nach Couvet im Val-de-Travers, wo die Tour endet.

Unsere Velotouren auf der Route Verte