Veloferien Bozen-Venedig

Ein Urlaub in Meran und der Beschluss, danach der Biennale in Venedig einen Besuch abzustatten, war der willkommene Anlass, die Radreise Tour Bozen - Venedig ins Auge zu fassen.

Da meine Partnerin Barbara es dann aber doch vorzieht, den Wellnessurlaub um ein paar Tage zu verlängern, muss ich die Reise wohl oder übel alleine antreten. Als es dann so weit ist, gibt sie mir immerhin noch bis Bozen Geleit.

Der Radweg entlang der Etsch erweist sich als Radautobahn mit perfektem Belag und kaum Kreuzungen. Vor den Toren Bozens, bei einem Kaffee im «Bistro am Wiesl» in der Nähe des Bahnhofs Sigmundskron, heisst es dann Abschied nehmen.

Bericht Bozen Venedig Werner Müller
Abschied bei Sigmundskron
Bericht Bozen - Venedig Werner Müller
Ein Asphaltband, wie man es auch in der Schweiz gerne öfters hätte

Tag 1: (Meran) - Bozen - Trient

Zwar ist es schon Mittag und meine eigentliche Reise hat noch gar nicht begonnen, ich will aber trotzdem noch einen Eindruck von Bozen mitnehmen und mache mich auf ins Zentrum. Bozen, Universitäts- und Provinzhauptstadt und Ruhestätte der Gletschermumie Ötzi, hat eine sehenswerte Altstadt österreichisch-alpenländischer Prägung. Ich bedaure, dass ich mich mit einer Quickvisite begnügen muss.

Zurück beim Bahnhof Sigmundskron entscheide ich mich für einen Umweg über den Weinweg auf nach Kaltern. Ich habe zwar schon 35 Kilometer zurückgelegt und bin spät dran, aber der Weg wird nicht wesentlich länger und landschaftlich ist dieser Abschnitt der schönste der heutigen Etappe. Viel Grün säumt den Weg, Weinberge und Weingüter. Wer genug Zeit einplant, kann sich im Weinzentrum in Kaltern mit den Traubensäften der Region vertraut machen.

Eine kurze, aber rasante Abfahrt zum Kalterersee rundet den kleinen Umweg ab. Weil ich noch so schön im Schwung bin, verzichte ich auf einen Stopp beim hübschen Restaurant, direkt am See. Bald darauf bin ich wieder auf dem Etsch-Radweg. Kilometer um Kilometer folge ich dem Band neben dem Fluss. Abwechslung für das Auge wird etwas rarer. Die Ortschaften liegen abseits des Radwegs am Fuss der Berge. Aber wer das Radfahren um seiner selbst liebt kommt, auch hier auf seine Rechnung. Die Strecke scheint bei Rennfahrern beliebt zu sein, denn es sind fast ausschliesslich Rennvelos, die entgegenkommen. Sie alle habens gut, sie fahren mit dem Wind! Mir bläst er steif entgegen und gibt der Fahrt eine sehr sportliche Note.

Bei Anbruch der Dämmerung, nach etwa 118 km, erreiche ich endlich mein Nachtlager in Trient. Die drei Stunden im Gegenwind haben mich doch etwas müde gemacht. Ich esse im Hotel noch eine Kleinigkeit und ziehe mich dann zurück.

Tag 2: Trient - Sirmione

Am nächsten Morgen gehe ich erholt auf Erkundungstour durch die Altstadt. Während das 60 Kilometer entfernte Bozen noch nördlichen Alpencharme verströmte, ist Trient atmosphärisch eine italienische Stadt. Man ist jenseits der Sprachgrenze und Deutsch ist nur noch von zahlreichen Touristen zu hören.

Die Landschaft entlang der Etsch ist abwechslungsreicher und etwas mediterraner geworden. Die Fahrt durch Weinberge und Dörfer gefällt und ich komme zügig voran. In Rovereto gibt es in einem Café gleich am Radweg eine kurze Kaffeepause. Nach einem Schwatz mit deutschen Radlern und einer kurzen Rundfahrt durch das Städtchen geht es weiter. Schnell bin ich wieder im Rhythmus und vor lauter Schwung verpasse ich in Mori die nicht sehr prominent ausgeschilderte Abzweigung nach Garda.

Es dauert fünf Kilometer, bis ich meinen Irrtum bemerke. Nun läuft mir definitiv die Zeit davon. Im Hochtal zwischen Etschtal und Gardasee bläst mir ein knüppelharter Wind entgegen, der mich kaum vorankommen lässt. Auf der Abfahrt nach Nagi-Torbole, einer Ortschaft 150 m über dem Gardasee, ist trotz stärkerem Gefälle der Geschwindigkeitsanzeige kaum die Zahl 20 zu entlocken. Als ich den Ort erreiche, sich der See zu meinen Füssen ausbreitet, ist die Anstrengung vergessen. Und mein Schiff weg!
 
Da ich jetzt sowieso zu spät bin, nehme ich es gemütlich, sehe ich mir in aller Ruhe die Dörfer am nördlichen Seeufer an und esse einen Happen in einem Bistro am See. Danach mache ich mich schlau. Leider muss ich feststellen, dass es für mich heute keine Möglichkeit mehr gibt, nach Sirmione zu kommen! Geschätzte 80 Kilometer sind es bis dorthin und die Strassen entlang des Sees sind schmal, haben viel Verkehr und enge Tunnels. Seufzend kapere ich ein Taxi. Es ist schon dunkel, als ich endlich mein Hotel erreiche.
 
Stillleben in Grau

Tag 3: Sirmione - Verona

Kühl ist es und neblig. Der Wetterbericht verheisst leider so gar nichts Gutes. Die erste Tageshälfte ist in den Augen der Wetterfrösche etwas besser und in der Hoffnung, dem Regen zu entgehen, mache mich früh auf den Weg. Zum Glück ist die heutige Etappe kurz. Adieu Gardasee, nichts habe ich von dir gesehen, auf ein andermal!

Die Sichtweite beträgt zeitweise etwa 300 m. Aber die Landschaft gefällt mir: Weinberge, Weingüter und Dörfer in hügeliger Landschaft. Nur Überblick fehlt aufgrund der eingeschränkten Sicht. Nach einer Stunde setzt leichter Nieselregen ein. Aber dafür klart die Luft auf. Ein ansprechendes Hotel der gehobenen Preisklasse an einem Seelein, dem Laghetto del Frassino, erweckt kurz die Sehnsucht nach Wärme und einem guten Kaffee!

Salionze im Regen
Und jetzt: Caffè e Grappa!

Ich habe das hübsche Städtchen Ponti sul Mincio passiert, als der Himmel mitten im Niemandsland seine Schleusen öffnet. In Sekunden bin ich bis auf die Knochen durchnässt. Im nächsten Dorf, Salionze, stelle ich mich unter das Vordach einer geschlossenen Bar. Es ist Mittag und ich habe erst die Hälfte des Weges hinter mir. Es ist kalt, ich bin völlig durchnässt und kein Bahnhof weit und breit.

Mit jeder Minute sinke ich tiefer in das Motivationsloch, das sich unter meinen Füssen auftut und es dauert seine Zeit, bis ich mich wieder herausstemmen und weiterfahren kann. Aber wenig später finde ich ein offenes Bistro. Wie wenig es doch manchmal braucht für einen Moment des Glücks! Fast zwei Stunden sitze ich dort, wärme mich auf und stärke mich mit Spaghetti, Mineralwasser, Kaffee und Grappa.

Als der Regen endlich nachlässt, mache ich mich wieder auf den Weg. Zwar wird es kurz darauf nochmals richtig nass, aber bald ist der Spuk endgültig vorbei. Dafür kommt der Dunst wieder zurück. Aber meine Kleider trocknen langsam und lassen das Stimmungsbarometer auf sonnige Werte steigen. Doch ich habe ein neues Problem: Wegen der Feuchtigkeit beginnt sich die Wegbeschreibung für heute aufzulösen. Papier und Druckerschwärze sind an gewissen Stellen schon fast weg. Nur mit Detektivarbeit und etwas Glück finde ich meinen Weg.

Reisebericht Bozen-Venedig
Eine neblige Wiese in Verona

In Verona irre ich zuerst etwas umher, aber kurz nach 16 Uhr habe ich mein Hotel erreicht. Nach einer warmen Dusche lege ich mich aufs Bett und schlafe gleich ein. Abends ist es nicht der Hunger, der mich aus dem Hotel treibt, sondern die Lust, etwas Gutes zu essen! Laut Reiseunterlagen gibt gleich um die Ecke ein gutes Restaurant. Gut gelaunt betrete ich das Lokal. Es ist praktisch leer. Einen Kellner, der an mir vorbeieilt und mich fragend ansieht, frage ich, ob er Platz für eine Person habe. Ein knappes „No“, dann verschwindet er in der Küche, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.

Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass ich soeben aufs Unhöflichste abgekanzelt worden bin. Spontan schiesst mir der Name eines menschlichen Körperteils den Kopf. Aber ich mag jetzt nichts anderes suchen und begnüge mich mit einem Toast und etwas Wein an der Hotelbar.

Tag 4: Verona - Vicenza

Tags darauf ist schönstes Wetter. Vorbei am Castelvecchio komme ich durch die Porta die Borsari, einem altrömischen Stadttor, in die Altstadt zur Piazza delle Erbe, wo Shakespeare Romeo um seine Julia hat werben lassen. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben Verona und bin beeindruckt. Nach einer ausgedehnten Erkundungstour bin ich begeistert. Ich will wieder einmal hierher kommen und mehr Zeit mitbringen! Ein letzter Blick noch auf die Arena, in der Radamès und Aida, ein weiteres prominentes Liebespaar der abendländischen Kultur, regelmässig aus dem Leben scheiden, und mache ich mich auf nach Vicenza, meinem heutigen Etappenziel.

Es wird die schönste Etappe der Reise! Eine hügelige Landschaft mit schmucken Dörfern und Weinbergen, soweit das Auge reicht. Es ist die Zeit der Weinlese und immer wieder stehen Traktoren mit voll beladenen Anhängern am Strassenrand. Überhaupt: Wüsste ich es nicht besser, ich hätte ich in diesen Tagen unweigerlich zur Einsicht kommen müssen, die Menschheit ernähre sich ausschliesslich von Trauben.

Ein Highlight: Soave mit seiner Burg und der vollständig erhaltenen Stadtmauer mit ihren 24 Türmen. Bevor ich dann gegen Abend Vicenza erreiche, sind noch die Colle Berigi, die Berici Hügel, zu bezwingen. Aber die Steigung ist moderat und auch mit meinem schweren Tourenrad gut zu meistern. Zur Belohnung gibt’s schöne Ausblicke. Rennräder überholen mich oder sausen an mir vorbei. Nach einer schönen Abfahrt kann ich auf der Terrasse bei der Kirche Santuario di Monte Berico einen ersten Blick auf Vicenza werfen.

Mit dem Abendessen habe ich diesmal mehr Glück. Im Restaurant Angolo Palladio, gleich neben der Basilica Palladiana, findet der Tag einen vorzüglichen Abschluss.

Tag 5: Vicenza - Venedig

Die letzte Etappe von Vicenza nach Mestre ist vollkommen flach. Die Gegend ist ärmlicher und die Weinberge sind verschwunden. Die Äcker zeigen sich in herbstlichem Braun. Aufgegebene Häuser und Höfe in verschiedenen Stadien des Verfalls werden bis Padua immer wieder meinen Weg säumen.

Bis Longarne fahre ich auf einem asphaltierten Fernradweg. Danach gibts für längere Zeit fast ausschliesslich Naturstrassen. Deren Qualität ist überwiegend gut. Nur einmal, bei Montegalda, wird der Weg ein kurzes Stück lang unterirdisch schlecht.

Kurz nach Mittag erreiche ich Padua, die älteste Stadt Italiens. Als ich auf dem Prato della Valle ankomme, verschlägt es mir kurz den Atem: Der Platz ist riesig und mit seinen etwa 90‘000 m² einer der grössten Europas. Als Bewohner der kleinräumigen Schweiz bin ich einen solchen Anblick nicht gewohnt.

Mit der Basilica di Sant'Antonio, einem Sakralbau im romanisch-gotischen Stil, wenige Meter vom Prato entfernt, ist auch mein architektonisches Highlight für heute gesetzt. Schade, dass ich nicht mehr Zeit habe für diese Stadt! Dem Canale Piovego folgend, verlasse ich Padua wieder. Es wird dieser Wasserweg sein, der mich auf Nebenstrassen und durch kleine Provinzorte nach Mestre führt.

Immer wieder zeugen Villen und repräsentative Gebäude, frisch renoviert oder in verschiedenen Graden der Vernachlässigung, von gegenwärtigem oder vergangenem Wohlstand. Es ist nicht zuletzt diese Melange aus gegenwärtiger und vergangener Pracht, Schönheit und Zerfall, die das Reisen in diesem Land so reizvoll macht.
 
Gegen Abend erreiche ich Mestre. Ich gebe mein Rad am vereinbarten Ort ab und fahre mit dem Taxi zum Bahnhof. Mestre selbst ist nichts Besonderes. In Abwandlung einer kleinen Basler Bosheit, die in der Rivalität mit Zürich ihren Ursprung hat und vielen Deutschschweizern geläufig ist, könnte man sagen: Das schönste an Mestre ist eindeutig der Zug nach Venedig!

Rückblick

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen, heisst es bei Matthias Claudius. Dieser Aphorismus ist wie geschaffen für eine solche Radreise. Die Begegnung mit Menschen, Wetterglück, Wetterpech - all das bildet die Grundlage für Erinnerungen, welche man nicht so schnell vergisst.

Und wer Italien und das Unterwegs-Sein mit dem Velo mag, dem wird auch diese Tour gefallen. Dass etwas wenig Zeit ist, die Dinge genauer zu erkunden, liegt in der Natur dieser Art des Reisens. Aber um eine Region kennenzulernen, gibt es in meinen Augen einfach nichts Besseres!

Und für die Details gibts nur eines: Wiederkommen!