Reisebericht von der Biketour rund um den Nationalpark

Auf den Spuren des Bike-Marathons

An einem Tag überwinden die Atlethen des Nationalpark Bike-Marathons die 137 Kilometer und die über 4'000 Höhenmeter beim Rennen rund um den Schweizer Nationalpark.
Priska und Fabian haben es etwas ruhiger genommen und die Strecke in drei Tagen absolviert. Hier ein Bericht von dieser Reise.

Scuol, ein schmuckes Dorf, im Unterengadin blieb bis anhin von den grossen Touristenströmen verschont. Es würde sich jedoch alleweil lohnen, bereits einen Tag früher anzureisen und die Bergdorf-Atmosphäre zu geniessen.

Zu sehen gäbe es genug: das sehr fotogene Schloss Tarasp, eine Wanderung in den umliegenden mächtigen Bergketten, Trails fahren (Tipps gibt’s im lokalen Bikeshop) oder vor den kommenden Strapazen ein entspannendes Bad im warmen Thermalwasser des Bogn Engiadina – es hat für jeden Ferientyp etwas dabei.

Gut, ein bisschen übertrieben ist das jetzt schon und ich muss zugeben: Wir haben uns für die «gemütliche» Variante entschieden und steigen in Scuol direkt ins Postauto um.

Dieses bringt uns und unsere Bikes bequem hoch durch das wildromatische Val S-charl. Wir ersparen uns damit rund 650 Höhenmeter.

Das Dorf S-charl besteht aus 13 Häusern und 2 Gaststätten. Bei einem Kaffee stimmen wir uns auf die Tour ein und warten gleichzeitig eine vorüberziehende Regenfront ab.

Sobald sich der Himmel wieder lichtet, klicken wir uns ein und treten in die Pedale. Es geht bei vorerst gemütlicher Steigung auf gut befahrbaren Kiesweg entlang eines Gebirgsbaches in Richtung Pass da Costainas.

Etwa drei Kilometer vor der Passhöhe wechselt das Terrain, gefahren wird nun auf einem abwechslungsreichen, aber einfach zu fahrenden Wurzelwanderweg – oder in der Bikesprache: auf Singletrails. Da schlagen das Herz und der Puls höher.

Ein letzter «Endspurt» und der heutige Etappenhöhenpunkt (Pass da Costainas, 2’250 Meter über Meer) ist erreicht- was für eine tolle Fahrt durch ein wunderschönes Hochtal.

Nun können wir uns zurücklehnen: bis Tschierv, dem nächsten Etappenort geht es nur noch hinunter. Lü und damit das Val Müstair ist somit schnell erreicht.

Lü zählt zu den höchst gelegenen ganzjährig bewohnten Ortschaft in Europa und gilt als eine Oase der Ruhe. Das 60-Seelen-Dorf bietet Touristen sogar 10 Betten an. Doch wir müssen noch weiter: unser Nachtplatz stellt heute das Hotel Süsom-Givé in Tschierv dar.

Aufgepasst, denn das Hotel befindet sich nicht im Dorf selbst (1'660 m.ü.M.) sondern auf der Passhöhe des Ofenpasses (2'150 m.ü.M.). Aber gut so, schliesslich soll das Abendbrot mit Capuns und Polenta verdient sein. 😉

2. Etappe: Durch das Val Mora und Valle Alpisella nach Livigno

Unsere Kollegen hatten uns vorgewarnt: Das Val Mora ist etwas vom schönsten, was es mit dem Bike zu fahren gibt.

Und so stehen wir nun hier, mitten im Val Mora und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Für eine solch schöne, ruhige und eindrückliche Landschaft lohnt sich wirklich jeder Höhenmeter – ein Traum.

Doch von Anfang an: Von der Sonne geweckt stehen wir auf dem Ofenpass auf über 2'000 Meter munter auf und geniessen erstmal in aller Ruhe einen Kaffee.

Eine gute Gelegenheit, uns auf die heutige Etappe einzustimmen und sie nochmals zu studieren. Zwei Anstiege, zwei Seen und steile Abfahrten sollen uns gemäss den ausführlichen Eurotrek-Unterlagen heute erwarten. Wie wir uns dabei anstellen werden?

Um dies herauszufinden gibt’s nur eins: Bikeschuhe anschnallen und losfahren. Die ersten Meter fahren unsere Bikes von alleine. Über den Wanderweg (oder im Winter die Skipiste) düsen wir hinunter, zurück ins Dorf Tschierv, das wir bereits am ersten Tag passiert haben. Wir verlassen Tschierv in Richtung Fuldera und biegen schon bald rechts ab.

Ein Bär (zum Glück nur aus Holz – es soll aber tatsächlich auch lebende Versionen davon in der Region geben!) weist uns den Weg und gibt uns mit dem «Bärebluus» den Takt vor (kein Scherz!). Ab nun steigt der Weg, teils entlang eines Bergbaches, stetig an. Mit dem Bärebluus im Ohr gewinnen wir schnell an Höhe, die Wälder lichten sich bereits – die Baumgrenze naht.

Oben angekommen öffnet sich vor uns das Val Mora in voller Pracht. Ein breites Tal, fernab jeglicher Zivilisation. Natur pur, was für ein herrlicher Moment. Die nächsten zwei, drei Kilometer geniessen wir bei leichtem Gefälle und entschliessen uns, einen Kilometer extra auf uns zu nehmen, um dafür eine kurze Mittagsrast auf einer Alp einzulegen.

Wir stärken uns bei selbstgemachtem Apfelbrot, Käse und Salsiz. Dabei sind wir nicht die einzigen, immer wieder tauchen (E-)Biker auf, die an diesem schönen Sonntag wohl alle dieselbe Idee hatten.

Allzulange verweilen wir aber nicht, schliesslich zeigt uns die Landkarte an, dass nochmals gut 400 Höhenmeter zu überwinden sind. Vorerst werden jedoch unsere Fahrtechnikkünste auf die Probe gestellt.
Auf einem gut angelegten, technisch einfachen Trail fahren wir leicht hinab zum Lago di San Giacomo, einem türkisfarbenen Stausee. Ein breiter Kiesweg führt rund um ihn. Da unser Ziel heute jedoch Livigno heisst, müssen bzw. dürfen wir nochmals hochkurven.

Mittlerweile eingerollt fährt sich dies jedoch ganz gut und als Belohnung folgt eine etwas steilere aber ebenfalls technisch einfache Abfahrt.

Bereits von weit oben ist der Lago di Livigno ersichtlich. Nun ist das Ziel nicht mehr weit! Livigno selbst liegt am oberen Ende des gleichnamigen Sees und ist hauptsächlich für seinen Skitourismus bekannt. Nach einem kurzen Sprint – ein Gewitter droht uns einzuholen – erreichen wir müde aber voll positiver Emotionen und Eindrücke unser Tagesziel; das Hotel Paré.

3. Etappe: der Chaschaunapass

Über «das Pièce de Résistance» des Nationalpark Bike Marathons

Heute steht mit dem Pass Chaschauna das Pièce de Resistance der viertägigen Tour an. Er befindet sich auf knapp 2'700 Meter über Meer und wartet mit Steigungen von bis zu 25 Prozent an. Der Aufstieg wird wohl einige Körner kosten heute.

Mit diesem Wissen drehe ich nochmals eine Runde um das feine Morgenbuffet des Hotels Paré in Livigno. Der Blick nach draussen ist am morgen früh noch etwas mässig motivierend. Wolken (oder Nebel?) verdecken die Berge und es wirkt frisch.

Trotzdem – wir nehmen den Pass in Angriff. Gemächlich rollen wir uns ein und verlassen das Dorf ins Valle di Federia. Wir haben Glück: knapp 100 Höhenmeter später druckt zum Glück bereits die Sonne durch (also doch Nebel…). Nach nur rund sieben Kilometer weist der Wegweiser uns nach rechts: es wird steil, die «Passstrasse» beginnt!

Wie wir wissen, meistern Spitzenfahrer den gesamten Anstieg bis knapp unter die Passhöhe fahrend.

Viele Mountainbiker (und dazu gehören auch wir) schieben ihr Rad jedoch immer wieder ein Stück. Ein Blick auf meine Pulsuhr bestätigt mein Gefühl, trotz Rad schieben ist mein Puls ganz schön hoch… Gerade nächstes Wochenende findet der bekannte Nationalpark Bike Marathon mit vier verschiedenen Längen statt.

Wer den gesamten fahren will, startet in Scuol und fährt die Route praktisch analog unserer Viertages-Biketour, nur einfach alles an einem (!) Tag. CHAPEAU.

Dank der Steigungen gewinnen wir immerhin schnell an Höhe und stehen dann doch schneller als gedacht oben auf der Passhöhe. Der 360°-Rundumblick zeigt eine praktisch menschenleere und wunderbar ruhige, wildromantische Landschaft. Der Blick nach unten verrät aber auch, der Trail ist leider ganz schön ausgewaschen. Über Nacht muss es hier ordentlich geregnet haben. Geröll liegt auf dem Trail, der aussieht wie ein steiles Gebirgsbachbett.

Zumindest für mich sind die ersten zwei-, dreihundert Tiefenmeter deshalb leider nicht fahrbar und auch andere Biker schieben ihr Rad vor sich hin. (Wer sein Bike liebt, der …?)

Die Bergwelt ist trotzdem fantastisch und spätestens ab der Alp Chaschauna führt eine gute Forststrasse sicher hinunter nach S-chanf, wo unser Ziel bereits ersichtlich ist: sein Nachbardorf Zuoz.

Trotz der vielen Schiebepassagen lohnte es sich, den Pass zu überqueren. Nun kann ich mit allen «Bike Marathonis» nächstes Wochenende mitfühlen 😉 und hoffe, dass der Trails bis dahin fertig präpariert sein wird.

Eine sehr feine Bündner Spezialität, die Gerstensuppe, lässt uns die heutigen Strapazen schnell wieder vergessen und wir freuen uns bereits auf den morgigen Schlussspurt zurück nach Scuol.

4. Etappe: Zurück nach Scuol

Dank einer geruhsamen Nacht im Hotel Engiadina in Zernez starten wir gut erholt die letzte Etappe. Heute komplettieren wir die Runde, es geht zurück nach Scuol, dem Ausgangspunkt am ersten Tag. Rund 50 Kilometer und 900 Höhenmeter sind zu absolvieren.

Rein technisch sei dies die einfachste der vier Etappen. Dafür werden wir einige schmucke Engadin Dörfer durchfahren, unter anderem Zernez, Lavin und Guarda, das berühmte «Schellenursli-Dorf».

Vorerst stehen wir aber noch in Zuoz, einem Oberengadiner Dorf auf etwa 1600 Meter über Meer. Die Luft draussen schmeckt bereits nach Herbst, eine kühle Frische streicht um uns und auf den Wiesen liegt etwas Raureif. Es lohnt sich, wie bei allen Velotouren, sich nach dem altbewährten Zwiebelprinzip zu kleiden.

Auf der rechten Seite des Inns nehmen wir die ersten Kilometer auf uns. Es geht im stetigen Wechsel auf und ab, schliesslich aber auf einer etwas steiler werdenden Forststrasse hinab nach Zernez.

Der Ort liegt am Fusse des Ofenpasses, wo wir die erste Nacht verbracht haben. Er ist zudem ein geeigneter Ausgangspunkt für zahlreiche Wandertouren im Nationalpark oder aber auch Start- und Zielort des Engadiner Radmarathons.

Weiter geht’s via Susch nach Lavin. Nun führt der Weg uns auf der linken Seite des Inns entlang. Ab Lavin, einem italienisch angehauchten Dorf, steigt der Pfad stetig an. Dank einer mittleren Steigung ist er jedoch sehr angenehm zu fahren.

Der Höhepunkt heute stellt für mich das Dorf Guarda dar, das, wie anfangs erwähnt, Heimatort des bekannten «Schellenursli» ist. Gerne verweilen wir etwas in diesem ursprünglichen (und autofreien) Dorf und geniessen einen warmen Apfelstrudel.

Der letzte Drittel der Etappe geht schnell: mehrheitlich hinunter, einzig ein kurzer, intensiver Gegenanstieg nach Ftan lässt den Puls nochmals in die Höhe treiben. Doch spätestens als auf der gegenüberliegenden Talseite das Schloss Tarasp zum Vorschein kommt, wissen wir: der Rundkurs ist geschafft.

Ein steiler Kiesweg führt uns hinunter zum Bahnhof Scuol, wo bereits unser Reisegepäck (wie immer pünktlich) auf uns wartet.

Fazit

Abschliessend ein herzliches Dankeschön an unseren Organisator Eurotrek. Wir durften wiedermal wunderbar aktive Tage «mit euch» geniessen. «Rund um den Nationalpark» (in vier Tagen) eignet sich für Biker, die es auch gerne mal gemütlich nehmen wollen und eine Nacht extra einlegen möchten.

Mit knackigen Anstiegen, schönen Trails und einer eindrücklichen Bergwelt hat es bestimmt für jeden Geschmack etwas dabei. Mein Highlight war definitiv der zweite Tag mit dem Val Mora. Alles in allem eine absolut empfehlenswerte und abwechslungsreiche Runde.

Move on! 😉 Priska