Veloferien in Alicante

Durch Spaniens Hinterland

Mit dem Velo vom ruhigen spanischen Hinterland zur Mittelmeerküste radeln: eine geradezu märchenhafte Reise auf ehemaligen Bahntrassen, durch Reisfelder und den Naturpark Albufera bis ins moderne, pulsierende Valencia.

Wer die Bettenburgen der spanischen Mittelmeerküste kennt, ist erstaunt über das unberührte Hinterland. Verschlafene Dörfer, einsame Täler, wenig Verkehr. Ich bin mit dem Trekkingrad unterwegs, 300 km von Sax nach Valencia, mein Gepäck wird von Hotel zu Hotel transportiert. Der Weg zieht sich schnurgerade durch Olivenplantagen und Felder mit prächtigen Weinstöcken. Keine Menschenseele ausser mir, Stille ringsumher.

Rad vor Weingut

Welch ein Aufsehen, als 1889 die erste Dampflok durch die beschauliche Landschaft schnaubte. Dank der von Briten erbauten und betriebenen Eisenbahnstrecke florierte der Warentransport von der Industriestadt Alcoy in die Hafenstadt Gandía. Wie ein fauchendes Ungetüm zog der Tren de los Ingleses, die Eisenbahn der Engländer, durchs einsame Bergland, stiess schwarze Dampfwolken zum Himmel und Laute, die sich anhörten wie das Zirpen von Zikaden. El Tren Chicharra, Zikadenzug, nannte ihn der Volksmund.

Auf dieser Strecke bin ich mit dem Velo unterwegs. Natürlich fährt hier kein Zug mehr, vor fünfzig Jahren wurde der Betrieb mangels Rentabilität eingestellt. Weltweit werden heute ehemalige Bahntrassen zu Wander- und Velowegen umfunktioniert, Holzschwellen und Schotter gegen guten Belag getauscht: Vias Verdes, grüne Wege, heissen sie in Spanien, und diese hier ist bestimmt eine der schönsten.

Tal bei Villalonga

Die Strecke der Via Verde zieht sich in sanften Schlaufen den Bergen entlang, steile Anstiege fehlen - die Lok hätte sie nicht meistern können. «Damals mussten Passagiere aussteigen und zu Fuss gehen, wenn der Zug zu langsam wurde», erzählt ein älterer Señor, der in einem gottverlassenen Nest an der Strasse sitzt und den spärlichen Verkehr beobachtet. «Früher», sagt er wehmütig, «als der Tren Chicharra hier Station machte, war das Dorf voller Leben.»

Auf der Via Verde erinnern verlassene Bahnhöfe an die ehemalige Bahnlinie, und die vielen Tunnel. Wie aufgerissene schwarze Mäuler verschlucken sie den Weg und ganz schnell auch mich: Ich rolle langsam durch die Finsternis, den Blick starr auf das Licht am Ende des Tunnels gerichtet. Gelegentlich verlässt die Route die ehemalige Bahntrasse. Zum Glück! Ein Blick auf den ursprünglichen Schienenverlauf zeigt, dass eine Brücke fehlt und unweigerlich am Abgrund steht, wer auf der alten Trasse fährt.

Velofahren macht hungrig. «Offerta Paellas» steht auf dem Schild einer Metzgerei. Paella! Genau richtig! Die Verkäuferin präsentiert mir Hähnchen und Kaninchen als ganzes, ob ich Streifen oder Stücke wolle? Eigentlich möchte ich essen, nicht warten, bis gekocht ist. «Stücke», sage ich irritiert, und als ich die Paella entgegennehmen will, trifft mich der Schlag: die Dame hält mir zwei Plastikbeutel hin, je einen mit rohen Kaninchen- und Hähnchenstücken. Ich stopfe sie in meine Satteltasche und ziehe weiter, im Gepäck fünf Kilo Fleisch, im Bauch ein Riesenhunger. Das Frischfleisch tausche ich später gegen ein Stück Tortilla, der Barkeeper kriegt sich kaum ein vor lachen und verspricht, eine feine Paella zu kochen. Gegen Abend erreiche ich die ehemalige Industriestadt Alcoy mit ihren Jugendstilfassaden und der umwerfend schönen Plaza de Dins und gönne mir in einer Bar, deren Wände bis unter die Decke mit Postkarten verziert sind, unvergessliche Tapas.

Weinberge, Olivenplantagen und mächtige Wallnussbäume lässt sie hinter sich, als sich die Via Verde parallel zum Flüsschen Rio Serpis in eine schmale paradiesische Schlucht zwängt. Der Weg folgt in der rund zehn Kilometer langen Schlucht dem Flussbett mit seinen Schilfgürteln, Feigenbäumen und Wasserbecken. Frösche quaken, Vögel singen, sonst Stille. Menschen begegne ich erst wieder in Villalonga, dem hübschen Städtchen mit der wunderschönen historischen Stadtvilla, in der ich logiere, seinen vielen Brunnen und dem guten Wasser, auf das die Einheimischen so stolz sind.

Blick auf Weg der nach Simat führt

Die letzte Etappe auf der Via Verde führt durch Orangenplantagen, am Himmel schwere Wolken, in der Luft der betörend süsse Duft von Orangenblüten. Fehlt eigentlich nur noch der Prinz, denke ich wohlgelaunt, als zwei weisse Tauben aufflattern und – ich schwör’s – zwischen den Orangenbäumen ein stattlicher Reiter auf einem prächtigen Schimmel herantrabt. Pferd und Stahlross kreuzen sich, unsere Blicke auch. Ich trete fest in die Pedalen, schmunzle über die unwirkliche Begegnung und erreiche kurz später die Hafenstadt Gandía. Hier endet die Via Verde. Es duftet nach Meer. In diesem Hafen wurde damals die Ware aus dem Tren Chicharra auf Schiffe verladen.

Wie anders ist jetzt die Tour! Der Veloweg führt durch weite Reisfelder, links Berge, rechts das Meer. Der Himmel ist wolkenschwer, gleich wird es regnen. Im Tal Valldigna, wo die dunkelsten Wolken hängen, liegt das Kloster Santa Maria. Der Himmel öffnet seine Schleusen, Strassen werden zu Bächen, im Regen hebt sich düster das Kloster von den Bergen ab. In dicken Mauern ein Kirchenschiff von atemberaubender Höhe, dessen Leere durch das Fehlen von Kirchbänken noch imposanter wirkt. Im Klostergarten drehe ich mich noch einmal um für ein Foto. Der Name der Rose, die wie zufällig ins Bild ragt, als ich den Sucher aufs Koster richte, ist mir nicht bekannt; doch die dramatische Szenerie könnte gut und gerne aus dem gleichnamigen Film stammen.

Rad vor Strand und Meer

Tags darauf Sonnenschein. Beschwingt radle ich durch leuchtend gelbe Reisfelder. Vor mir liegt das Naturschutzgebiet La Albufera mit seinen Wasservögeln und dem gössten See Spaniens. Jetzt aber! Hinten naht ein Velofahrer! Ich trete fester in die Pedalen, verpasse ausgerechnet jetzt eine Abzweigung, lande im Schilf. Der Verfolger saust an mir vorbei, ich hinterher. Gemeinsam erreichen wir El Palmar am Rande der Albufera. Wieder bei Atem zeigt mir mein privater Guide spontan diesen pittoresken Ort mit seinen Kanälen, bunten Barken und den Bogenbrücken, auf denen Maler an ihrer Staffelei stehen. Eine Bootsfahrt führt durch das üppige Schilf der Kanäle hinaus auf den riesigen glitzernden See.

Kiefernwälder, Strände, ein Hafen mit Kränen und Frachtschiffen, dann ist das moderne Wahrzeichen Valencias, die Ciudad de las Artes y las Ciencias, erreicht. Ich kann mich an der kühnen Architektur von Santiago Calatrava und Félix Candela kaum satt sehen. Imposante weisse Gebäude spiegeln sich in blauen Wasserbecken. Der Veloweg führt verkehrsfrei zum Zentrum. Im Grüngürtel mit Pflanzen wie aus 1001 Nacht ein Hain von Florettseidenbäumen mit bauchigen Stämmen und kunstvollen rosa Blüten; in der pulsierenden Altstadt ein historischer Umzug mit prächtigen, säbelrasselnden Mauren und abendländischen Prinzen auf ihren Kamelen. Hell leuchten die historischen Bauwerke der Stadt, als hielte sie Hochzeit. Vor einer Kathedrale regnet es Rosenblätter und Reiskörner auf ein Brautpaar, das jubelnd gefeiert wird und dann seines Weges zieht. Unter meinen Velopneus knirscht es leise, als ich über den Teppich aus Reis und Rosen radle, der langen Schleppe des Brautkleids hinterher, die geräuschlos in einer Gasse entschwindet.

Rad vor dem Palau de las Artes Reina Sofia