Wandern auf dem Wicklow Way

Reisebericht von Nadja Hänni & Günther Lämmerer

Etwa 15 Jahre hat es gedauert, bis der Traum von J.B. Malone nach einem Weitwanderweg durch die Wicklow Mountains wahr wurde und der Wicklow Way als der erste Fernwanderwege Irlands eingeweiht wurde.

Günther Lämmerer

Tag 1: Anreise nach Clonegal

Das schmucke kleine Dorf Clonegal bildet für uns den Anfangspunkt unserer Wanderreise am Wicklow Way. Eine herzige kleine Brücke, zwei Pubs und liebevoll gepflegter Blumenschmuck machen dieses Dorf zu einem idyllischen Startort. Highlight ist aber das Schloss Huntington Castle, das mit einer langen Geschichte, einem wunderschönen Garten und einer kleinen Überraschung im Dungeon aufwarten kann.

Abends schwingt unsere Gastgeberin Sheila den Kochlöffel – da das einzige Restaurant im Dorf ausgebucht ist, werden wir von ihr freundlich bewirtet und können die erste Wanderetappe gut gestärkt in Angriff nehmen.

Tag 2: Clonegal - Shillelagh

Ein kleiner Park im Dorf ist Start- oder Endort für Wanderer am Wicklow Way. Die ersten Kilometer führt uns der Wicklow Way entlang einer wenig befahrenen Strasse. Die Tour selbst ist noch wenig spannend, aber das Tal rund um uns ist romantisch: Kuh- und Schafherden wechseln sich ab und uns wird schön langsam klar, warum dieses Tal «die irische Schweiz» genannt wird.

Nach etwa fünf Kilometern verlassen wir die Strasse und durchqueren ein kleines Waldstück. Hier geht es etwas bergauf, doch die Schweissperlen, die wir beim Anstieg vergiessen, lohnen sich – wir werden mit wunderbaren Ausblicken auf die grünen Hügel Clonegals belohnt.

Die Tour führt uns danach weiter über die Hügel von Stokeen. Das Gebiet ist etwas stärker besiedelt. Wir passieren unzählige Farmhäuser und Schafherden während uns der Wicklow Way hoch auf diesen Hügel führt. Den Abschluss macht ein Abstieg zur Bridge of Boley von der uns unsere Gastgeberin abholt und ins kleine Dorf Shillelagh bringt. Ein etwas verschlafenes Nest, in dem wir im Pub auf die ersten Kilometer am Wicklow Way anstossen.

Tag 3: Shillelagh – Tinahely

Unser B&B hat eine angeschlossene Werkstatt, in dem Kampf- und Wanderstöcke hergestellt werden. Nachdem wir beim Frühstück nach einer kleinen Führung gefragt haben, erzählt uns Liam Kealy, der Mann unserer Gastgeberin einiges über die Geschichte und Herstellung dieser Stöcke. Nachdem viele Iren nach der grossen Hungersnot nach Amerika emigriert sind, bildeten die Stöcke von Shillelagh den Vorläufer der bekannten Polizeistöcke, die heute noch dort verwendet werden.

Nach dem Besuch werden wir zurück zum Wicklow Way gebracht. Die Hügel sind grün, die Wiesen auch, nur die geteerte Strasse auf der wir die ersten Kilometer laufen müssen ist es nicht. Später erfahren wir, dass für einen Wanderweg jeder Grundbesitzer sein Einverständnis geben muss und es viele Jahre gedauert hat, bis der Wicklow Way realisiert werden konnte. Manche Abschnitte auf geteerten Abschnitten waren hier wohl nötige Kompromisse, um das Projekt umzusetzen.

Wir beissen auf die Zähne und etwas später in einen kleinen Imbiss – das Pub zur Dying Cow ist ein kleines Highlight und ein idealer Picknickplatz. Als eines der ältesten Pubs in ganz Irland sprüht es vor Charme. Man spürt förmlich, dass hier schon viel passiert ist. Einer dieser Geschichten verdankt das Pub seinen Namen. Zu Zeit der Prohibition durfte abends nur auf Geschäftsreisen oder in Notfällen ein Pub besucht werden. Bei einer Polizeikontrolle versuchte die Wirtin ein paar Gäste zu schützen indem sie eine Geschichte von einer kranken Kuh erfand, um die sich die Besucher vor ihrem Tod gekümmert hätten. Die Polizei hat’s nicht geglaubt – die Wirtin bekam eine saftige Busse und das Pub hatte einen neuen Namen.

Spannende Geschichten begleiten uns auch auf dem Wicklow Way. Nachdem er uns weg von der Strasse geführt hatte, erreichen wir einen kleinen Wald mit Feenfiguren und kleinen Gegenständen. Die Landschaft wirkt wie verzaubert und regt zum Träumen an. Kurz darauf richten wir den Blick aber wieder in die Ferne, denn vor uns tauchen die Dächer von Tinahely auf, wo wir nach einem kurzen Abstieg das Quartier für die Nacht beziehen.

Tag 4: Tinahely – Moyne

 

Ein kurzer Tag steht uns heute bevor – wir starten ihn daher mit einem zweiten Kaffee in einem kleinen Hippie-Café am Dorfplatz von Tinahely. Hier steht diese Woche eine Filmproduktion an und das ganze Dorf ist mit Fahnen aus aller Welt geschmückt und die Aufbauarbeiten sind in vollem Gange.

Nach einer Tasse Cappuccino treten wir frisch gestärkt die heutige Etappe an, die uns zuerst hoch zum Ballycumber Hill führt. Hier erwartet uns das schönste Stück der bisherigen Wandertour. Wir folgen einem idyllischen Pfad hinunter in ein kleines Tal, wo wir auf einer ruhigen Nebenstrasse weiter zur Sandyford Bridge laufen. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung zum Kyle Farmhouse, wo uns der Duft von frisch gebackenen Scones die Ankunft versüsst. Umso grösser ist die Freude, als uns unsere Gastgeberin zur Begrüssung welche anbietet und uns noch eine kleine Tour für den Nachmittag vorschlägt. Wir folgen dieser und besteigen die andere Seite des Ballycumber Hills, um noch mal einen Blick auf die umliegenden Hügel und grünen Weiden zu werfen.

Tag 5: Kyle Farmhouse – Glenmalure

All die Tage sind sie immer näher gerückt und nun haben wir es geschafft: die Wicklow Mountains liegen vor uns! Damit erwarten uns aber auch etwas schwierigere Etappen. Wir starten den heutigen Tag mit einem gemütlichen Spaziergang zum Sheilstown Forest. Hier erwartet uns ein sehr schönes Waldstück und wunderbare Pfade. Der Wicklow Way führte ursprünglich nur bis zum Kyle Farmhouse und wurde erst nachträglich weiter gen Süden verlängert.

Uns dämmert schön langsam, dass dieser südliche Abschnitt sich von den kommenden Passagen etwas unterscheiden wird. Auf der einen Seite waren die vorhergehenden Tage landschaftlich zwar sehr schön, aber auch die Beschilderung war etwas knapper gehalten und die Wegleitung war doch etwas liebloser gemacht als das Kernstück auf dem wir nun unterwegs sind. Während der Weg an den vorhergehenden Tagen teils einfach einer Nebenstrasse führte, wurden am heutigen Tag nur wenig Mühen gescheut. Immer wieder weicht der Weg von der Strasse ab und führt auf schmalen Pfaden durch kleine Wälder oder gemütlich über Wiesen.

Zwar ist die heutige Wanderung dadurch nicht ganz so aussichtsreich, doch vom Wandererlebnis her fühlen wir uns nun endlich wohl.

Und während wir an den ersten Tagen nach Rastplätzen Ausschau halten mussten und am Wegrand picknickten, taucht heute vor uns plötzlich ein kleiner überdachter Picknickplatz mit Sitzbänken auf, auf dem wir gerne eine Pause mit Aussicht einlegen.

Auch der Weg nach Glenmalure gestaltet sich äusserst kurzweilig. Eben noch wandern wir über Wiesen, dann plötzlich führen uns hölzerne Planken durch dicht verwachsene Wälder in denen wohl der eine oder andere Kobold zu Hause ist. Der Wicklow Way hat uns nun endlich in seinen Bann gezogen und auf den Punkt genau erreichen wir die Lodge von Glenmalure: diese alte Handelsstation liegt in einem ruhigen Tal umgeben von Schafweiden und einem kleinen Fluss. Und während sich vor unserer Haustür Fuchs und Hase gute Nacht sagen, freuen wir uns über irische Spezialitäten und stossen mit einem Pint of Guiness auf die gelungene Etappe an.

Tag 6: Glenmalure – Lugduff Gap – Glendalough – Laragh

 

Glenmalure ist einer der Hotspots für Wanderer in den Wicklow Mountains. Der Lugnaquillia Mountain – mit 925 Metern der höchste Berg dieser Region – kann von hier aus bestiegen werden und unzählige Wanderwege ziehen Reisende aus aller Welt an.

Passend zu diesem Thema ging es für uns gleich von Beginn weg steil bergauf. Nach dem kräftigen irischen Frühstück kamen wir noch etwas schwer in die Gänge, doch nach einem steilen Beginn flachte der Wicklow Way doch etwas ab und für die Mühen des Aufstiegs wurden wir gleich mit tollen Ausblicken auf die umliegenden Gipfel belohnt. Etwas unerwartet zweigte der Weg dann plötzlich von der Forststrasse ab und wir fanden uns auf einem schmalen Pfad wieder, der uns hoch zum Pass Lugduff Gap führte. Ein ausgesetztes Stück und nachdem wir uns kurz vorher über den Sonnenschein und die milden Temperaturen gefreut hatten, zogen wir hier oben unsere Jacken schnell wieder an.

Doch kaum waren wir über den Pass, waren die kühlen Temperaturen schon wieder vergessen und wir marschierten durch einen stillen Wald weiter Richtung Glendalough. Zum ersten Mal überhaupt auf unserer Wanderreise war auf den Wegen etwas Betrieb und wir merkten, dass dieses beliebte Tal immer näher rückte.

Der Weg führte uns vorbei an einem kleinen Wasserfall und schliesslich standen wir am Ufer des Upper Lake von Glendalough und konnten eine tolle Aussicht geniessen. Dieses Tal war früher ein Ort der Einkehr und des Gebets und nachdem der Heilige Saint Kevin sich hier niedergelassen hatte, liessen sich immer mehr Gläubige in diesem wunderschönen Tal nieder. Heute zeugen nur noch Ruinen und ein grosser Friedhof vom einstigen Wohlstand dieser Siedlung.

Nachdem wir länger durch dieses Zentrum spaziert waren, nahmen wir die letzten Kilometer in Angriff. Wieder ging es steil bergauf und nachdem uns beim ersten Ausblick auf die Seen von Glendalough einige Baumwipfel die Sicht versperrt hatten, bot sich uns nun eine tolle Aussicht auf das Tal. Ziel des heutigen Tages war das kleine Dorf Laragh.

Tag 7: Laragh – Roundwood

Kurz nachdem wir die Wanderschuhe für den heutigen Tag geschnürt haben, treffen wir im Dorf Laragh auf zwei Nordiren, die die heutige Etappe ebenfalls in Angriff nehmen möchten und Mühe haben, den Weg zu finden. Nachdem wir die beiden auf die richtige Fährte gelotst haben, führt uns der Weg durch einen dicht verwachsenen und dunklen Wald. Die Wipfel der Bäume sind hier so dicht, dass beinahe kein Licht den Waldboden erreicht, was dazu führt, dass vom immergrünen Irland hier unten nichts zu sehen ist.

Dieses etwas gruselige Stück haben wir aber kurz darauf durchquert und bald schon steigen wir über eine offene Fläche auf einem steilen Pfad hoch zum Paddock Hill. Die Aussicht auf die umliegenden Hügel ist toll und wir überqueren eine unberührte Heidelandschaft im Wicklow Mountains Nationalpark.

Kurz darauf erreichen wir die Old Bridge und nun wird der Weg etwas anstrengender. Die heutige Etappe ist ziemlich kurz, doch nun stehen uns etwa fünf Kilometer auf einer Asphaltstrasse ins Dorf Roundwood bevor. Wir beissen die Zähne zusammen und haben nach etwa einer Stunde unsere Unterkunft erreicht. Nachdem uns die heutige Etappe nur wenig gefordert hat, machen wir uns nach einer kleinen Stärkung im Dorf auf den Weg, um das Vaultry Reservoir zu erkunden. Diese beiden Stauseen liefern das Trinkwasser für die umliegenden Dörfer und können in verschiedenen Rundwanderungen erwandert werden. Unser Loop führt uns auf sehr schönen Pfaden um den unteren See und nachdem wir diese Runde abgeschlossen haben, können wir auch heute auf einen gelungenen Wandertag zurückblicken.

Tag 8: Roundwood – Crone Forrest

 

Ein Blick aus dem Fenster am Morgen liess die Stimmung kurz etwas sinken. Ausgerechnet bei der schönsten Etappe präsentierte sich der Himmel etwas verhangen. Nach einem kräftigen irischen Frühstück marschierten wir los und erreichten kurz darauf wieder die offizielle Wegstrecke. Der Wicklow Way führte uns auf Waldwegen zu einem ersten Aussichtspunkt, von dem wir einen kurzen Blick auf das Lough Dan werfen konnten. Doch das sollte nur ein Vorgeschmack sein auf die kommenden Panoramen…

Während wir wanderten klarte der Himmel nämlich immer mehr auf und zur Mittagszeit war keine einzige Wolke mehr am Himmel zu sehen. Nach einem längeren Aufstieg erreichten wir eine offene Fläche und folgten einem Plankenpfad den Hügel hinauf. Immer weiter stiegen wir an und die Aussicht wurde immer besser, bis wir neben dem kleinen Lough Tay und den Windrädern, die über Tinahely bedächtig ihre Kreise drehten, sogar die Küste Grossbritanniens ausmachen konnten.

Nachdem wir am Memorial von J.B. Malone, dem Initiator des Wicklow Ways vorbeimarschiert waren, legten wir wegen des tollen Wetters noch eine Extrarunde hoch auf den Gipfel des Mount Djouce ein. Hier pfiff uns der Wind kräftig um die Ohren, doch wir liessen uns davon nicht beeindrucken und legten bei bester Aussicht eine kleine Rast ein.

Weiter ging es hinunter in den Wicklow Mountain Nationalpark. Wir kletterten über Steinmauern, überquerten kleine Brücken und konnten einen kurzen Blick auf den Powerscourt Waterfall – den höchsten Wasserfall Irlands werfen – bevor wir beim Crone Forrest ankamen. Von hier holte uns unsere Gastgeberin Yvonne ab, die uns zu ihrem kleinem B&B am Rande des Nationalparks brachte.

Tag 9: Crone Wood – Marlay Park

Eine harte letzte Etappe wartete auf uns. Nicht nur der Wettergott war uns plötzlich nicht mehr wohlgesonnen, auch mussten wir am letzten Tag noch mal etwa 24 Kilometer hinter uns bringen. Fürs erste hatten wir aber noch Glück und als wir wieder am Parkplatz vom Crone Forrest ankamen, konnten wir im Trockenen loslaufen.

Der Wicklow Way führte uns erst auf einem gemütlichen Weg einem kleinen Fluss entlang und stieg dann aber rasch sehr steil an ins Tal von Glencullen. Wir merkten, dass heute ein Sonntag war – viele Biker und Wandergruppen kamen uns entgegen, doch auch heute waren nur wenige Wanderer dabei, die wie wir den ganzen Wicklow Way in Angriff nahmen.

Nach dem steilen Anstieg schnauften wir noch einmal tief durch und genossen die Aussicht auf die nahe Küste und die Wicklow Mountains, die sich hinter uns ausbreiteten. Vor uns lag ein sehr schöner Weg, der uns nun hoch zum Fairy Hill führen sollte. Nach einem kurzen Stück entlang einer Strasse ging es wieder mal steil bergauf und nachdem wir diesen letzten Anstieg hinter uns gebracht hatte, lag Dublin direkt vor uns.

Doch die Aussicht blieb nicht lange ungetrübt, denn plötzlich fielen die ersten Regentropfen und wir kramten zum ersten Mal in dieser Woche die passende Ausrüstung aus den Rucksäcken. Der Abstieg hinunter zum Marlay Park war daher ein etwas feuchteres Vergnügen, doch das tat unserer guten Stimmung keinen Abbruch, denn wir hatten den Wicklow Way so gut wie geschafft. Nach einigen letzten Kilometern erreichten wir unser Ziel. :-)

Fazit

Ein sehr schöner Fernwanderweg, der einem eine sehr authentische Seite Irlands zeigt. Gerade im südlichen Abschnitt besucht man kleine Dörfer, uralte Pubs und kommt bei sehr netten Gastgebern unter. Die Iren geben sich alle Mühe und sind hilfsbereit und freundlich. Landschaftlich ist der südliche Abschnitt sehr idyllisch und präsentiert Irland mit seinen grünen Hügeln und den vielen Schafen genau so, wie man es sich vorstellt. Allerdings gibt es gerade in diesem Abschnitt auch immer wieder Passagen, bei denen der Wicklow Way über einige Kilometer auf asphaltierten Nebenstrassen führt. Das ist schade, doch wenn man die Verbotstafeln und die Geschichten mit den komplizierten Besitzverhältnissen hört, wundert es einem nicht, warum man manchen Umweg auf sich nehmen muss.

Wirklich die Muskeln spielen lässt der Weg dann auf der ursprünglichen Strecke ab Tinahely. Hier ist die Wegführung ausgeglichener und man hat tolle Panoramen. Highlights sind die Täler von Glenmalure und Glendalough sowie die Wanderung vorbei am Djouce Mountain sowie natürlich das Ziel der Wanderung mit der Tour hinein in den Marlay Park bei Dublin.

Die Tour von Süd nach Nord zu wandern, ist definitiv die richtige Entscheidung. Man läuft vom authentischen Süden weg auf einfachen Pfaden hinein in die etwas touristischeren Gebiete rund um Glendalough. Hier wird die Wanderung dann auch etwas anspruchsvoller – wirklich schwierig ist die Tour aber mit der richtigen Etappierung und dem einen oder anderen Transfer nicht und kann bedenkenlos für jedermann empfohlen werden.

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