Wanderferien in den nordalbanischen Alpen

Reisebericht von Günther Lämmerer

1. Tag: Anreise

Am FlughafenTirana wurden wir von unserem Fahrer Doriyan in Empfang genommen. Wir genossen unseren ersten albanischen Espresso und machten uns danach auf den Weg nach Shkoder.

Unterwegs machten wir einen kleinen Zwischenstopp, um Früchte am Wegrand zu kaufen und erfuhren ein paar interessante Geschichten über die Kultur  Albaniens.

In Shkoder angekommen, machten wir noch einen Spaziergang über die Pedonale und genossen ein erstes traditionelles Abendessen in unserem Hotel.

 

2. Tag: Shkoder – Koman Stausee – Valbona Tal

Früh am Morgen ging es los und wir machten uns mit einem öffentlichen Sammeltaxi auf den Weg in die Berge. Unterwegs passierten wir zahlreiche kleine Dörfer und Seen bis wir nach etwa zwei Stunden den Koman Stausee erreichten. Dort genehmigten wir uns wieder einen Kaffee, um wach zu werden und warteten auf unser Schiff „Dragobia“. Als dieses in Sichtweite kam, trauten wir unseren Augen kaum. Auf das Schiff war die Fahrgastzelle eines alten Busses aufgebaut worden. Dieser würde uns über den 34 Kilometer langen See bringen.

Die Fahrt war lange, aber beeindruckend. Steil ragten die Felswände links und rechts von uns hoch und immer wieder stiegen Familien zu, die irgendwo verlassen am Ufer auf die nächste Mitfahrgelegenheit zu warten schienen. Auch Lebensmittel und sogar ein grosser Kühlschrank befanden sich auf dem Schiff, die unterwegs ausgeladen und mit Packpferden die steilen Hänge hochtransportiert wurden.

Am Ende des Sees angekommen, ging es mit dem Taxi weiter Richtung Valbona Tal. Nach einem ausgiebigen Mittagessen war es noch eine kurze Fahrt zum Beginn der ersten Wanderung. Und die war gleich so richtig spektakulär. Direkt neben dem kristallklaren Valbona-Fluss ging es zu Fuss weiter. Wir waren froh, uns die Beine vertreten zu können und genossen die Wanderung durch die unberührten Wälder. Unterwegs trafen wir nur wenige Leute, aber die Wege waren gut markiert und einfach zu finden.

Bei einem kleinen Café machten wir Halt, probierten einen albanischen Weisswein und danach waren es nur noch ein paar Schritte bis zu unserer Unterkunft am Ende des Valbona-Tals.

Tag 3: Valbona – Valbona-Pass – Thethi

Da wir bei der Anreise unseren Flug verpasst hatten, mussten wir die Rundwanderung im Valbona-Tal schweren Herzens ausfallen lassen. Zum Trübsal blasen blieb aber keine Zeit, ein Fahrer holte uns ab und brachte uns weiter in das Tal hinein. Als die Strasse endete, wurden die Koffer auf ein Packpferd umgeladen. Wir hatten ein schlechtes Gewissen, denn das Pferd würde unsere schweren Koffer über den Valbona-Pass ins nächste Tal tragen. Doch erst mussten wir selbst mal dort hoch kommen.

Wir stapften los und freuten uns über die vielen schönen Blumen am Wegrand und über die tollen Ausblicke auf die steilen Gipfel der albanischen Alpen. Der Pfad ging steil bergauf und führte uns am „Simoni Café“ vorbei. Seit fünf Jahren lebt eine kleine Familie hier am Wegrand und bedient den Sommer durch durstige Wanderer. Um die 1'000 Leute hat er hier im letzten Jahr gezählt. Wenn das Geld am Ende der Saison reicht, möchte er gerne sein Café noch etwas ausbauen und verschönern, aber wer weiss ob das klappen wird, meinte er. Wir freuten uns über Kräutertee, Kaffee und einen feinen albanischen Kuchen und waren damit frisch gestärkt für den letzten Anstieg.

Mit so viel Energie hatten wir oben am Pass noch nicht genug und gingen noch ein paar Meter weiter hoch zu einem Aussichtspunkt von dem aus wir tolle Blicke auf die beiden Täler hatten. Wir waren es wohl etwas zu gemütlich angekommen, denn unterwegs überholte uns plötzlich unser Pferd mit unseren Koffern. Die Hast des Pferdetreibers konnten wir aber nachvollziehen, als uns klar wurde, dass er mit dem Pferd abends wieder zurück nach Valbona gehen würde. Wir waren mit dem halben Weg nach Thethi schon gut bedient.

Der Abstieg war steil und teils etwas felsig, aber letzten Endes erreichten wir wohlbehalten die Siedlung von Thethi. Richtige Strassen oder ein Dorfzentrum gibt es hier nicht und die Häuser findet man über den ganzen Talboden verstreut. Unser Gästehaus war aber direkt neben der Kirche von Thethi und war dadurch gut zu finden.

Wir hatten aber noch nicht genug und machten uns von hier aus noch auf dem Weg zu einem kleinen Wasserfall. Ein kleiner Bach lief entlang des Weges ins Tal hinunter und wies uns den Weg zu dieser Sehenswürdigkeit. Die Sonne stand schon recht tief am Himmel und zauberte kleine Regenbogen in die Gischt. Dieser Ausflug hatte sich auf alle Fälle noch gelohnt.

Wieder zurück in Thethi bezogen wir unser Zimmer, duschten und freuten uns auf das Abendessen und einen gemütlichen Abend mit den anderen Besuchern aus aller Herren Länder.

Tag 4: Zum Peja Pass

Früh am Morgen ging es mit einem kurzfristig organisierten Transfer los. Wir ersparten uns so einen langen Weg durch das Tal nach hinten zum Aufstieg zum Peja Pass. Nach einer Fahrt über eine gröbere Buckelpiste begannen wir mitten im Wald unseren Anstieg. Erst ging es noch entlang eines Bachbetts durch einen lichten Wald doch bald schon schraubte sich der Weg in Serpentinen hoch. Wir waren froh, dass wir früh dran waren, denn bereits jetzt war der Anstieg etwas anstrengend. Die Aussicht war die Mühen aber allemal wert. Beeindruckend lag das Arpani Massiv vor uns und ein Blick zurück wurde mit einem Blick auf das Thethi-Tal belohnt.

Man merkte auch, dass dieses Jahr der Schnee erst vor wenigen Wochen geschmolzen war – wir fanden uns im schönsten Alp-Frühling wieder. Unzählige Blumen säumten den Weg und machten unseren Aufstieg zu einem sehr farbenfrohen Erlebnis.

Oben am Pass angekommen, erwartete uns ein Pass wie aus dem Bilderbuch. Wir durchquerten eine ebene Fläche die links und rechts von steilen Felsen gesäumt wurde. Kurz darauf erreichten wir den Abstieg zu den Peja Seen. Dort machten wir kurz Rast und überlegten, ob wir uns kurz in den Seen abkühlen sollten. Als plötzlich eine kleine Schlange aus dem Schlamm am Grund des Sees auftauchte, um Luft zu holen, war die Diskussion aber rasch beendet.

Weiter ging es mit einem Spaziergang zu einer verfallenen Schäferhütte, bevor wir wieder ins Thethi-Tal abstiegen. Auf dem Rückweg machten wir noch in einem kleinen Kiosk Halt und wanderten dann zurück zum Zentrum von Thethi.

Ganz war die Abenteuerlust aber noch nicht gestillt. Wir statteten noch dem Blutfehdeturm im Zentrum von Thethi einen Besuch ab. Ein kleines Mädchen kassierte den Eintritt und wir kletterten die Leitern im Inneren dieses spartanisch eingerichteten Turms hoch. Schwer zu begreifen, dass hier einst Leute Zuflucht fanden, die um ihr Leben fürchten mussten.

Tag 5. Denelli Höhen und Nderlysa.

Wir plauderten, frühstückten, tauschten Geschichten aus und überlegten wo es heute hingehen sollte. Laut Plan wäre es nur eine kurze Etappe bis nach Nderlysa, doch wir wollten noch etwas weiter gehen. Darum entschlossen wir uns nach reifer Überlegung die Hochebene von Denelli zu besuchen.

Leider waren wir wegen der Beratung etwas spät dran, nachdem wir das Dorf verlassen und ein ausgetrocknetes Flussbett durchquert hatten, ging es steil bergauf und die Temperaturen zogen stark an. Während wir schwitzten und keuchten machten wir fleissig Höhenmeter gut und erreichten nach etwa fünfzig Minuten die erste Abzweigung. Hier hätte man auch gut eine Rundwanderung einlegen können, doch wir entschlossen uns für das volle Programm und gingen weiter Richtung Hochebene. Der Weg war ausgezeichnet markiert und auch sehr gut hergerichtet, Verzögerungen hatten wir nur wegen der vielen wilden Erdbeeren entlang des Weges und wegen der schönen Aussicht auf das Tal von Thethi, das sich hinter uns ausbreitete.

Als wir die Hochebene erreichten, hatten wir ebenfalls Grund zum Staunen. Eine wunderbare Ebene voll mit Blumen und Blüten erwartete uns hier. Leider auch die pralle Mittagshitze und kein bisschen Schatten weit und breit. Entsprechend kurz war daher unsere Rast und wir machten uns kurz darauf wieder an den Abstieg. Doch heute hatten wir die Hitze etwas unterschätzt. Bei jeder freien Fläche brannte uns die Sonne unbarmherzig auf die Köpfe und wir waren froh, als wir die Abzweigung erreichten und uns ein bekannter Weg wieder zum Wasserfall führte.

Diesen liessen wir allerdings links liegen und machten uns auf den Weg zum nahe gelegenen Canyon. Erst musste jedoch der Bach nach dem Wasserfall überquert werden. Brücke gab es weit und breit keine, da gab es nur eins: Schuhe aus und durch. Die Abkühlung tat uns gut, doch bei der anschliessenden Rast hatten wir die letzten Tropfen Wasser verbraucht. Wir waren froh, als wir kurz danach einen kleinen Kiosk erreichten. Wir füllten unsere Flaschen auf und tranken ein kühles Cola.

Der Besitzer des Kiosks war anscheinend bis jetzt noch nicht sehr zufrieden mit der Saison. Er meinte, dass er auf mehr Touristen im Juli hofft. Wir warfen einen kurzen Blick auf den Canyon und gingen dann weiter. Auf dem Weg trafen wir ein paar bekannte Gesichter, die mit uns vorher in Thethi übernachtet hatten. Wir erinnerten uns an den armen Verkäufer ein paar Meter weiter vorne und machten noch mal kräftig Werbung für den Kiosk mit dem kleinen Brunnen neben dem Canyon.

Der weitere Weg war wunderbar. Abwechslungsreich, mit tollen Ausblicken auf die Ausläufer des Canyons und herrlich am Rand des Talbodens angelegt führte er aus dem Tal hinaus. Die Schritte wurden allerdings schon schwer und als wir die Brücke von Nderlyssa erreichten, konnten wir nicht mehr wiederstehen und sprangen in den kühlen Fluss. Allerdings nur kurz, denn plötzlich tauchte eine Ziegenherde auf, die direkt neben unseren Badeplatz zum Fluss hinunterlief.

Wir beendeten die Rast und spazierten die letzten Meter nach Nderlyssa hinein. Doch plötzlich winkte eine kleine Frau am Strassenrand, die Futter für ihre Kühe suchte. Sie zeigte uns den Weg zu einer kleinen Mühle und schaltete für uns den Mühlstein an. Mit Händen und Füssen erklärte sie uns, dass Touristen den Stein immer wieder in Bewegung setzten und danach nicht wüssten, wie sie ihn wieder abstellen sollten. Sie begleitete uns auf den Weg zu unserer Unterkunft auf einem alten Bauernhof und wir bezogen müde unser Zimmer.

Tag 6: Das blaue Auge

Ein ausgezeichnetes Frühstück mit selbstgemachtem Honig und toller Konfitüre erwartete uns heute Morgen. Zwischen unseren Füssen liefen die Hühner herum und wir freuten uns auf den heutigen Tag.

Auf Schleichwegen machten wir uns auf den Weg durch das kleine Dorf und wanderten wieder Richtung Berge. Die Pfade waren wieder nicht schwierig zu finden und bald schon passierten wir die ersten kleinen Badepools. Kristallklares Wasser wurde hier gestaut und ergoss sich so in Kaskaden durch das Tal. Ein toller Ausblick, doch wir liessen diese Bademöglichkeiten erst mal links liegen und wanderten auf einem felsigen Pfad hinein in die Schlucht.

Wasserfälle und kleine Brücken machten diese Tour äusserst abwechslungsreich und letzten Endes erreichten wir ein kleines Haus, das auf dem ersten Blick verlassen da lag.

Als wir näher kamen, entdeckte uns ein kleines Mädchen, dass uns zu vielen kleinen Terrassen führte, die mit Pfählen und Ästen wie kleine Baumhäuser in den Hang hinein gebaut waren. Von hier aus hatte man einen tollen Blick auf den blaugrünen Pool des Blauen Auges.

Das Wasser war uns für ein Bad aber definitiv zu kalt, weshalb wir uns nach einem Kräutertee wieder auf den Rückweg machten. Die Sonne brannte mittlerweile schon ziemlich heiss herab, weshalb wir auf dem Weg aber doch noch einen Sprung in den kühlen Fluss wagten.

Nach einem herzhaften Mittagessen bei unserer Bäuerin bestiegen wir ein Taxi, das uns über holprige Strassen zurück nach Shkoder brachte. Von hier aus gelangten wir mit einem weiteren Transfer nach langer Fahrt zurück nach Tirana.

Nach der Stille und Ruhe in den Bergen war die Stadt gerade ein kleiner Kulturschock, aber auch hier gab es ziemlich viel zu entdecken. Überbleibsel aus dem Kommunismus, alte Bunker, die zu Museen umgebaut wurden und viele Bars, Restaurants und Kaffees würden einen längeren Besuch dieser Stadt eigentlich mehr als rechtfertigen.

Wir spazierten noch über den grossen Platz mit der Statue von Skanderbeg und der orthodoxen Kirche und gewöhnten uns langsam wieder an die Zivilisation.

7. Tag: Abreise

Morgens blieb noch Zeit für einen Spaziergang durch Tirana. Den Kulturschock hatten wir mittlerweile überwunden und so konnten wir noch einen Blick auf ein spannendes Museum aus der Zeit vor der Wende werfen. Tirana ist defini

 

Fazit

Eine wunderbare Wanderwoche wie aus einer anderen Zeit. Die Leute in den Bergen, bzw. in ganz Albanien sind so hilfsbereit und herzlich, dass man jedes  Vorurteil diesem Land gegenüber im Nu vergisst. Besonders beeindruckt hat mich, wie man den geringen Grad an Verbauung und Infrastruktur in den Bergen in der Natur sieht. Auch wenn die Landschaft ähnlich ist wie hier in den Alpen, steckt viel mehr Leben in den Wiesen und Wäldern. Alles fühlt sich etwas wilder und weniger verbraucht an und die ganze Woche fühlt man sich, als ob man durch längst vergangene Zeiten wandert.

Bei den Unterkünften muss man teils etwas Abstriche machen – die Leute sind bemüht und alle Zimmer waren immer sauber, aber der Standard ist einfach niedriger in deutschsprachigen Ländern. Etwas Abenteuerlust sollte man daher mitbringen, wenn man auf diese Reise geht. Man wird dafür mit wunderbarer Natur, einer unverbauten alpinen Landschaft und sehr herzlichen Bekanntschaften belohnt!