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Häuser und Berge, die sich in einem ruhigen See spiegeln

Von der Quelle bis zum Rheinhafen

Text von Monika Neidhart

Auf rund 450 km führt die Rhein-Route vom alpinen Gebirge am Oberalppass in die Weite der Bodenseeregion, zum stiebenden Rheinfall und bis ins geschäftige Basel. Die Vielfalt an Landschaften, Baustilen und Dialekten machen die Velotour abwechslungsreich.

Von der Quelle bis zum Rheinhafen

Los geht's

"Brrr, ist das Wasser eiskalt". Mein Begleiter lässt es sich nicht nehmen, am Anfang der Velotour auf der Rheinroute bis nach Basel in den Tomasee einzutauchen. Hier, auf 2345 müM,  bildet der Bergkessel das Quellgebiet des Rheins. Stille. Bergwelt pur. Die Alpenflora in voller Blüte.

Zwei Wanderstunden entfernt vom Oberalppass ist das sportliche Fahren von Motorrädern, Autos und die Touristen weit weg. In Disentis ersetzen Capuns, ein Knöpfliteig mit Salziz, der in Mangoldblätter gewickelt ist, die verbrannten Kalorien des ersten Tages. Annalisa Giger-Sialm wickelt mit einer ihrer Angestellten jede Woche 20 kg Blätter zu fingerdicken Bündeln.

Vom Oberalppass sieht man auf die Rhätische Bahn, die im grünen Tal fährt.

Oberalppass

Nach 600 Höhenmetern mit dem Velo und 400 Höhenmetern zu Fuss, sind die grossen Aufstiege hinter uns, schliesslich geht es nun in Flussrichtung weiter. Denken wir. Der Benediktiner im Klosterladen schmunzelt nur. Zusätzliche Höhenmeter sind der Kapelle S.Benedetg oberhalb von Sumvitg auf der linken Rheinseite geschuldet. Mit dem e-bike kein Problem.

Mein Begleiter, der ein Tourenvelo hat, wird von einer jung gebliebenen Pensionärin im Dorf aufgemuntert, die ihre Blumen giesst: "Oben hat es ein Restaurant. Hier haben wir keine mehr, auch keinen Regen, der bleibt in Disentis hängen".

Das Kloster in Disentis

Kloster Disentis

Die Kapelle, die von Peter Zumthor 1989 entworfen wurde, passt bestens in die Landschaft. Die Schindeln der tropfenförmigen Kapelle sind dunkel verwittert, der Glockenturm symbolisiert eine Himmelsleiter. Der Ausblick über das enge V-Tal der Surselva ist fantastisch. Weit unten zwischen Bäumen der Vorderrhein oder "Rain Anteriur" auf Rätoromanisch.

Unsere Schweisstropfen ersetzen wir an einer originellen Sirupbar im nahen Brunnen. Und wie nötig hätte es auch die Natur, Wasser zu bekommen! Die steilen Grashänge sind durch die anhaltende Dürre gelblich-rötlich.

Naturarena Ruinaulta

Nach Ilanz wird es auf rund 13 km dramatisch: Nach dem Felssturz bei Flims vor 15'000 Jahren musste sich der Rhein, der nun zu einem Fluss angewachsen ist, einen neuen Weg bahnen.

Entstanden ist die Rheinschlucht, die Ruinaulta. Wir fahren auf der stetig ansteigenden Hauptstrasse, die durch bewaldete hohe Berghänge und in einer Schussabfahrt ins Flache Richtung Bonaduz führt.

Blick hinunter auf den Rhein in der Rheinschlucht.

Blick auf die Rheinschlucht

Dazwischen liegen drei Aussichtspunkte. Jeder lohnt einen Halt! Senkrecht abfallende, nackte Kalksteinfelsen öffnen sich unmittelbar. Bizarr geformt durch Wind und Wetter. Unter uns, 130 Meter tiefer der opalfarbige Rhein. Auf der anderen Seite bis zu 300 Meter hohe Wände. Dahinter schneebedeckte Berge. Schlauchboot- und Kajakfahrer geniesssen den Canyon vom Wasser aus. Autos brausen an uns vorbei. Ein Deutscher, der mit seinem Sohn ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs ist, schüttelt den Kopf: "Die sehen ja gar nichts"!

Zwei Mountainbiker auf der Naturstrasse vor der Felswand.

Mitten durch die Rheinschlucht

Nach so viel Naturspektakel mutet der Blick von der Brücke in Reichenau fast beschaulich an. Hier vereinen sich Vorder- und Hinterrhein zum Alpenrhein. Weniger romantisch dagegen ist der Gegenwind, der uns auf dem Veloweg entlang des Rheins bis weit nach Chur bremst.

Umso mehr geniessen wir die Abwechslung durch die "kleine Region mit grossen Weinen", wie es am Rebenweg bei Malans und Jenins zu lesen ist. Der Jeninser mundet tatsächlich hervorragend zu einer Hirsesuppe nach traditionellem Rezept in einem Restaurant in Jenins.

Ausblick auf das Dorf Chur mit der Kirche im Mittelpunkt.

Graubünden's Hauptstadt Chur

Schmetterlings-Kuss

Auf Schloss Sargans blicken wir zurück auf den ersten Drittel der Velotour. Hinter uns liegen die Alpen, die grossen Steigungen sind geschafft. Vor uns die Ebene des Rheintales. Zwischen den Lichtensteiner Bergen und dem Alpstein geht es teils schnurgerade auf dem Alpenrhein-Dammweg bis zum Bodensee, begleitet vom Gegenwind.

Nicht nur die Landschaft, auch der Dialekt ändern immer wieder. Die Lernende an der Hotelrezeption in Buchs meint im breiten Ausserrödler Dialekt: "Seit ich hier arbeite, spreche ich gerne meinen Dialekt. Es ist doch schön, wenn man hört, woher man ist".

Das Rheintal mit Blick auf den Fluss und die wunderschöne Bergkette im Hintergrund.

Weiter durch das Rheintal

Auch die traditionellen Baustile ändern sich im Verlaufe der Reise. Immer wieder entdecken wir Juwelen von kleinen Altstädten, wie etwa Werdenberg, die älteste Holzbausiedlung der Schweiz mit Schloss und kleinem See. Dazwischen erlebe ich die Natur mit allen Sinnen.

Da "küsst" mich mit dem Fahrtwing ein Schmetterling auf die Oberlippe. Bei Altstätten stehen gleichzeitig Fischreiher und Störche im Gras und im Naturschutzgebiet des Rheindeltas zwischen dem alten Rhein und dem seit 1900 kanalisierten Rhein beobachte ich, wie ein weisser Vogel einen Raubvogel jagt.

Eine Familie macht auf dem Bootssteg eine kleine Pause und lässt die Beine baumeln.

Angekommen am Bodensee

Zwischen den tosenden Wasserfällen

"Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr", meint ein Herr in Konstanz. Der freie Blick auf den Bodensee haben wir erstmals im Delta, dann ab Rorschach. Entlang des rund 60 km Seeweges locken Bäder mit grossen Rutschen, die Städte mit gepflegten Quaianlagen.

Der See selbst ist mit Booten bevölkert. Und auf dem gut ausgebauten Veloweg kreuzen wir mit Fahrrädern verschiedener Ausführungen. Die Landschaft um Arbon ist von intensivem Obstbau geprägt, ab dem Untersee dann auch durch Ackerbau.

Familie beim Velofahren. Rhein-Route. Veloferien mit Eurotrek.

Dem Bodensee entlang

Vor Gottlieben wird es wieder dramatisch. Dieses Mal allerdings am Himmel. Wir fahren unausweichlich auf ein Gewitter zu. Dunkel, schwarze Wolken, grüner Himmel. Das Wasser wild aufgewühlt. Just in dem Moment, wo  wir im Hotel angekommen sind, öffnen sich die Schleusen des Himmels. Hagel.

Am nächsten Morgen zeugen zerfetzte Laubblätter vom nächtlichen Sturm. Der Seerhein, wie er hier genannt wird, liegt wieder ruhig da. Die Kraft des Wasser erleben wir gewollt am Rheinfall. Von der Schaffhauser Seite fahren wir mit einem Boot zum Felsen. Eine Treppe führt zur Spitze hinauf.

Um uns rauscht und tobt das Wasser. Es verschluckt jedes Wort. Ein weisser, breiter Wasserlauf fliegt über einen Felsen, quer dazu ein anderer. Wahnsinn: diese Kraft des Wassers. Rund 300 km vom stillen Tomasee entfernt.

Rheinfall bei Schaffhausen

Tosender Rheinfall

Während sich der Hochrhein, wie er nun heisst, mal ruhig und breit, mal schmal und reissend den Weg zwischen Deutschland und der Schweiz sucht, führt der Veloweg gemächlich über Land und durch Dörfer mit Riegelhäusern.

Er eröffnet dann und wann Blicke aufs Wasser von steilen Hängen wie in Rheinau oder Eglisau, in Kaiserstuhl, wo das e-bike die steile Strasse hinauf eine angenehme Hilfe ist. Oder führt beschaulich ans Tössegg oder an den Klingnauer Stausee.

Aussicht auf Stein am Rhein

Stein am Rhein

Die riesigen Fotoapparate von einzelnen Personen zeigen, dass es hier Seltenes für Naturliebhaber zu beobachten gibt. In der Gegend um Möhlin führt der Veloweg durch eine herrliche Waldpartie.

Zwischen den Bäumen freie Blicke auf den ruhig dahin fliessenden Rhein. Am Ufer Biberspuren. Einladende Picknickplätze. Warum nicht unser Mittagessen angeln bevor es in die Geschäftigkeit der Grossregion Basel geht und wir uns am Dreiländereck vom Rhein verabschieden? Ein Lachs wird es nicht mehr sein, wie es noch vor zwei Jahrhunderten üblich war.

Laufenburg

Laufenburg

Unsere Veloreisen entlang der Rhein-Route

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