Die Weite des Juras erfahren

Text von Monika Neidhart

Auf einer mehrtägigen Velotour auf der Jura-Route 7 von Basel nach Nyon taucht man ein in weite, einsame Hochebenen und stille Täler und entdeckt in Dörfern viel Herzlichkeit und kulinarische Spezialitäten.

Ein Jauchzer entfährt mir auf der langen Tempofahrt vom Challpass hinunter nach Kleinlützel. Die geteerte Waldstrasse ist übersichtlich und ohne Verkehr. Das Tachometer meines e-Bikes zeigt kurz über 50 km/h an. Rund 25 km entfernt von der hektischen Grossstadt Basel, der Hitze, der Enge der Strassen mit Tram, Tramschienen, dichtem Autoverkehr, weit weg von der Ängstlichkeit der Frau, die beim Schalter der SBB ihr Rennvelo ständig umklammert hielt.

Ich atme die frische Luft ein, lasse mich vom vorbeiziehendem Grün, dem Fahrtwind berauschen. Und so wie ich nach dem langen Aufstieg ab Flüh gut 300 Höhenmeter hinunter sause, tauche ich nun ein in den Jura, seine hügelige und weite Landschaft. In Kleinlützel angekommen, nehmen wir die Gelegenheit wahr Proviant zu kaufen. Die Möglichkeiten auf der Route sind rar, auch die Auswahl an Restaurants und Hotels. Einige haben gerade Wirtesonntag, mehrere sind für immer geschlossen oder zu verkaufen. "Drei Bäckereien hatten wir früher, heute bleibt uns ein Prima-Laden", erzählt die gut 80jährige Frau und schmunzelt".

Das Doppelbödige im Wort "Prima" merke ich später, als ich den Namen des Ladens sehe. Prima sind auch die Mandelini, eine Art Läckerli aus Laufen, und die grosse Wasserflasche, die wir mitnehmen. Die Dorfbrunnen auf der Route nach Nyon führen kein Trinkwasser.

Moderne Glasfenster in Kirchen und Kapellen

Über Land und Hinterhöfe führt der mit weinroten Pfeilen und der Nummer 7 sehr gut signalisierte Veloweg der Landesgrenze entlang und durch die dünnbesiedelte Ajoie. Ein kleiner Umweg ist der Gilberte in Courgenay geschuldet. Das Restaurant, in dem sie im ersten Weltkrieg die Soldaten aufmunterte, ist 2001 restauriert worden.

Auch die Pfarrkirche ist sehenswert. Hier treffen alte Glasfenster auf farbintensive, abstrakte Glasfenster aus dem Jahre 1965. An der Seitenwand ein Kreuzgang aus monochronen Glaskreuzen aus dem Jahre 2012. Die Glaskunst lebt in dieser Region. Mit um die sechzig Kirchen und Kapellen haben die Jurassier ein "Kunstmuseum" geschaffen. Es soll die grösste Konzentration von modernen Glasgemälden in Europa sein.

 

Die Weite des Juras fernab der Hektik einatmen

Die Topografie auf der Juraroute ist nicht zu unterschätzen. Immer wieder schweisstreibende Aufstiege. Nach dem mittelalterlichen Städtchen St. Ursanne kündet eine Tafel "Auf 9 km 540 Meter Steigung" an. Ich habe schon fast ein schlechtes Gewissen, den Rennvelofahrer vor mir mit seinen strammen Wädli mit dem e-Bike locker zu überholen.

Über die Hochebenen der Franches Montagnes geht es gemächlich nach Saignelégier weiter. Ich geniesse die Weite, die grossen Flächen, die einzelnen Nadelbäume mit ihren Ästen, die den Boden bedecken, Weiden, oft abgetrennt mit Trockensteinmauern, manchmal mit Braunvieh, Fleckvieh, Pferdeherden oder gemischt. Verstreute Bauernhöfe mit offenem Miststock oder moderne mit grossen Fotovoltaikanlagen auf den Dächern.

Pius aus Luzern, der für die Juraroute drei Tage vorsieht, geniesst die Region: "In den Alpen habe ich das Gefühl, von den Bergen erdrückt zu werden. Hier kann ich die Weite richtiggehend einatmen". Das Tempo mit dem Velo ist ideal, die Landschaft mit allen Sinnen aufzunehmen.

Die Distanzen beim Wandern dagegen sind gross. Was eine Gruppe death-metal-Fans nicht abhalten kann, zu Fuss rund 6 km zum nächsten öffentlichen Verkehrsmittel zu gehen. Inmitten einer Waldlichtung tanzen die letzten Partygänger noch morgens um 10 Uhr - ich bin froh, nach einigen Kurven im Wald das "Gehämmer der Musik" wieder in das Rauschen des Windes, das Gezwitscher der Vögel eintauschen zu können.

Auch wenn die Landschaft durchwegs grün und hügelig ist, langweilig wird es auf den Etappen nicht. Es gibt so viel zu sehen, auch kleine Dinge wie ein Feldhase, der das offene Feld im schnellen Tempo durchquert. Als Kontrast dazu die Uhrenstadt La Chaux de Fonds mit ihrem schachbrettartigen Stadtbild. Nichts muss, vieles darf auf dieser Tour fernab der Hektik sein.

Begegnungen mit den Menschen sind einfach. Immer wieder treffen wir auf Deutschschweizer, die wie Gaudentia aus dem St. Gallischen nach ihrem Sprachaufenthalt der Liebe wegen in der Region geblieben sind.

Zugabe Creux du Van

Am dritten Tag entdecken wir landschaftlich ganz unterschiedliche Regionen zwischen Saignelégier und Couvet im Val de Travers. Frühmorgens stehen wir fast alleine am Etang de la Gruère, ein vor 12'000 Jahren entstandenes Hochmoor. Die Farben, die glatte Oberfläche des Sees und die Moorvegetation erinnern mich an Skandinavien.

Später radeln wir auf der Höhe des Mont Soleil, hinter uns der grosse Windradpark, vor uns der Blick über die Jurafaltungen. Ob mich die Spitzenschokolade von Jacot in Noiraigue und meinen Begleiter die grüne Fee, resp. der Absinth beflügelt haben?

Nachdem wir die Batterien eine Stunde im Hotel in Couvet aufgeladen haben, radeln wir die 700 Höhenmeter und 12 km zum Creux du Van hinauf. Hier oben zu stehen ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Höhepunkt! Die Felswände fallen senkrecht nach unten - die hufeisenförmige Felsformation ein einmaliges Schauspiel. Nach über 115 km am Vortag ist nun Entlastung des Hintern angesagt. Wir tauchen ein in die Asphaltmine von Travers, die 113 Jahre von Engländer betrieben wurde.

Und im ehemaligen Kloster in Môtiers erklärt uns eine Führerin die traditionelle Herstellung von Schaumwein (von Champagner darf sie nicht sprechen, das Verfahren ist jedoch das gleiche). Den Tag lasse ich in Ste. Croix mit einem kleinen Feuerwerk ausklingen: Gebrannte Crème, unterlegt mit Fenchelconfit und flambiert mit Absinth.

Luxusuhren treffen auf Landwirtschaft

Die letzten zwei Etappen der Juraroute im Parc Jura vaudois sind ebenfalls ein Feuerwerk an unterschiedlichen Landschaften und Schönheiten. Col de l'Aiguillon - Der Name erinnert mich an Nadeln. Der Anstieg allerdings ist nicht so steil wie ich befürchtet habe. Auf 1293 m ü. M.  wird die Bedeutung des Namens klar. Ein langes Band an Jurafelsen ragt zerfurcht und nackt heraus. Alte Bäume, die wie Olivenbäume am unteren Ende des Stammes knorrig sind, stehen vereinzelt auf der Hochebene.

Ausatmen. Auch in dieser herrlichen Natur sind wir auf weiten Strecken alleine. Im Schuss geht es 600 Höhenmeter nach Baulmes hinunter. Da und dort erhasche ich einen Blick auf den Genfersee und den Mont Blanc. Nach Vallorbe geht es durch ein enges Tal auf ungeteerten Waldwegen durch ein enges Tal hinauf.

Unvermittelt öffnet sich der Blick auf den Lac de Joux! Wie in einem flachen Gebirgskessel liegt der grösste, über 1000 m ü. M. liegende See der Schweiz vor uns. Das ganze Hochtal strahlt eine Ruhe aus. Erstaunlich, dass in dieser Abgeschiedenheit einige Firmen von Luxusuhren ansässig sind.

Daneben die Käserin, die die Milch des im Dorf noch einzigen Bauern unter einfachen Verhältnissen verkäst. Ihr Tomme aus Rohmilch und das Waadtländer Roggenbrot schmecken später auf einem Baumstrunk in einem weiteren kleinen Hochtal köstlich.

Rund 15 km vor Nyon öffnet sich der Blick auf den Genfersee. Die Vegetation wechselt zu grünen Roggenfeldern, Mohnblumen, Laubwald - der Jura spuckt uns unvermittelt aus. Die Betriebsamkeit, der Lärm und Autoverkehr empfängt uns wieder. Die beruhigende, entschleunigende Wirkung der Jurakämme nehmen wir als Erinnerung mit.

Unsere Veloreisen entlang der Jura-Route

Mittelschwer
Schweiz

Veloferien Jura-Route Der Wilde Westen der Schweiz

6 Tage | Individuelle Einzeltour
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