Reisebericht Verborgene Schätze im Oberwallis

Text und Bilder von Priska Scherrer

455 Kilometer und 10'515 Höhenmeter mit dem Rennrad liegen vor uns. Mein Freund, Fabian, und ich, Priska, sind gespannt auf die kommende Woche, in der es auf zwei Rädern durch das Oberwallis geht. Unsere Rennräder sind bereits im Auto verstaut, die Koffer gepackt., Nächster Halt: Sommerferien!

 

Es ist Sonntagmorgen. Der Blick nach draussen: kalt, nass und grau ist es. Dies lässt uns die Vorfreude jedoch nicht nehmen, der Wetterbericht fürs Wallis meint es gut mit uns. So geht’s von der Ostschweiz aus via Zürich, Luzern, über den Brünig und durch den Lötschbergtunnel bis nach Susten (Gemeinde Leuk VS). Dort wartet die erste entspannte Nacht im Rohnetal auf uns.

Tag 1: Durchs wildromantische Turtmanntal

Am Montag beginnt unsere erste Radtour. Eine Rundtour ins Turtmanntal steht auf dem Programm. Zur Feier des Tages sozusagen – denn heute ist mein Geburtstag. Wir satteln auf und fahren gemütlich nach Turtmann.

Das kleine charmante Dorf (mit Dorfbrunnen hinter der Kirche, für Gümmeler immer wichtig) ist jedoch schnell erreicht und schon befinden wir uns in den ersten Kehren das Tal hinauf. Ein Blick auf unser GPS-Gerät zeigt, dass wir dank den steilen Passagen mit teilweise zweiprozentigen Steigungen immerhin schön an Höhe gewinnen.

Das wildromantische Turtmanntal ist bis auf eine Höhe von rund 1900 Meter über Meer durchgehend geteert. Je höher wir steigen, desto schöner werden natürlich die Ausblicke zurück aufs Rhonetal und auch die Landschaft wird immer attraktiver.

Der höchste Punkt ist erreicht, ab jetzt müsste mit dem Bike weitergeklettert werden oder in Wanderschuhen. Fabian und ich kehren auf unseren schmalen Pneus jedoch wieder um und gönnen uns auf der Abfahrt einen Kaffeehalt. Dieselbe Strecke, die wir hinaufgekurbelt sind, geht’s nun wieder rasant herunter. Macht auch (fast) genauso viel Spass.

Aber aufgepasst, die Rundtour ist noch nicht zu Ende: Zurück in Turtmann queren wir das Rhonetal, um auf der gegenüberliegenden Seite des Tals wieder aufzusteigen. Ja, ich merke es schon: Im Wallis geht es entweder hinauf oder hinunter.

Ziel dieses letzten Anstiegs (mit anschliessender Abfahrt) ist schliesslich Leuk, einem schmucken Städtchen bekannt als Kulturort mit mittelalterlicher Burg, Theater und Ausstellungen. Nun wartet noch ein Ausfahren durch die sonnigen Rebberge von Salgesch (dem Wein-Hauptort des Wallis, für uns jedoch leider ohne Winetasting…) durch den Pfynwald zurück nach Susten – höchste Zeit für ein kühles, alkoholfreies Radler. Prost!

 

Tag 2: Hinauf zur aussichtsreichen Moosalp

Und schon klingelt wieder unser Wecker für Tag 2. Heute fahren unsere Rennräder mit uns über die Moosalp nach Brig. Das Höhenprofil für heute lässt meine Beine jubeln. Ja doch, auch heute sind es wieder gut 1'600 Höhenmeter, dies es zu bewältigen sind, aber immerhin alle am Stück. Ich rede mir ein, dass dies angenehmer ist, da beim Höhepunkt auf der Alp die Arbeit ja bereits fast getan ist.So war es dann auch. Wieder radeln wieder vorbei an Turtmann (mit obligatem Brunnenstopp zum Füllen unserer Trinkflaschen) und klettern hoch nach Bürchen und Unterbäch, zwei sonnenverwöhnten Walliser Ferienorte, hoch gelegen über dem Rhonetal.

 

Unterbäch machte 1957 schweizweit Schlagzeilen, da hier erstmals Frauen entgegen dem Willen der Schweizer Regierung abstimmen gingen. Ich ziehe meinen Helm vor solchen Taten! 😊 Diese Frauenpower steckt mich an, ich trete ordentlich in die Pedale und komme so schliesslich bis ganz nach oben, auf die Moosalp.

Was für ein Anblick! Da haben sich jegliche Schweissperlen gelohnt (und davon sind im langen Anstieg einige geflossen…). Vor uns eröffnet sich ein wunderbares Panorama und wir blicken gebannt hinüber in die Hochgebirgslandschafts des Dom, dem höchsten, komplett in der Schweiz gelegenen Berg. Darauf muss angestossen werden – und sei es «nur» mit einer durstlöschenden und energiereichen Apfelschorle.

Auch die Abfahrt ist nicht minder schön. Ich muss mich beherrschen, die Strasse und ihre Kurven nicht aus den Augen zu verlieren, denn meine Blicke zieht es automatisch immer wieder hinüber zu den hohen Walliser Berge.

Kurve um Kurve kurven wir hinunter, dieses Mal ins Mattertal, welches als letztes Dorf das international berühmte Zermatt sein Eigen nennen darf.

Unser Wendepunkt heisst Stalden. Hier geht’s rechts hinauf nach Zermatt. Wir schlagen aber die andere Richtung ein und fahren weiter hinab nach Visp, wo schliesslich das Tagesziel Brig nicht mehr weit entfernt ist.

 

Wir nächtigen im Hotel Ambassador nahe dem Zentrum von Brig, wo mit dem Stockalperpalast einer der bedeutendsten barocken Palastbauten der Schweiz steht. Direkt von Brig aus führt der Simplonpass nach Domodossola in Italien.

Der Pass wurde auf Initiative von Napoleon Bonaparte für militärische Zwecke gebaut und war damit die erste Kunststrasse der Alpen. Morgen steht zum Glück mit 25 km (doch auch immerhin 870 hm) eine etwas erholsame Radetappe hinauf zum Gibidum Stausee an. Doch dazu sollte es nicht kommen…

Tag 3: Spontaner Abstecher über den Simplon nach Italien

Mittwochmorgen, 31. Juli: Nach einem sehr guten Frühstück im Hotel Ambassador in Brig ziehen wir bereits zum dritten Mal in Folge unsere Radschuhe an.

Die vorgesehene Route von Eurotrek sieht vor, dass heute zur Erholung nur eine lockere Ausfahrt ansteht. In rund 870 Höhenmeter und 12 Kilometer geht’s hinauf zum Gibidum Stausee, dem Ausläufer des mächtigen Aletsch Gletschers.

Ein Blick gen Himmel verspricht jedoch nicht allzu viel Gutes: dunkle Wolken hängen über den hohen Bergen im Norden. Gegen Süden wirkt es jedoch deutlich freundlicher.

So entscheiden wir uns kurzerhand für eine Planänderung und schlagen die Strasse in Richtung Simplonpass ein. Die ersten Kehren sind hart. Beziehungsweise meine Beine fühlen sich etwas hart an. Aber immer langsam – mal ziehen, mal stossen, mit Klickpedalen geht das ja ganz gut. Mein Körper funktioniert nach dem Prinzip: «Aller Anfang ist schwer», doch hat er erst einmal Betriebstemperatur aufgenommen, fährt es sich auf einmal doch wieder angenehm hinauf.

Der Simplonpass hat von der Briger Seite her keine typischen Kehren, eher sehr langgezogene Kurven. Der erste Teil kann mit dem Rad auf der alten Passstrasse befahren werden, was sehr empfehlenswert ist. Nach einigen Kilometern und bereits einigen Höhenmetern kommt die eindrückliche Ganterbrücke zum Vorschein, für uns einen Stopp und im Minimum ein Foto Wert!

Der letzte Drittel des Passes muss dann leider wieder mit dem restlichen Verkehr geteilt werden. Es lohnt sich auch, Licht am Rad dabeizuhaben, da die letzten zwei Kilometer vor der Passhöhe durch Galerien gefahren werden muss.

Schliesslich erreichen wir aber die landschaftlich herrliche Passhöhe und grüssen im Vorbeifahren die grosse, alles überwachende Adlerstatue. Oben auf über 2000 Meter über Meer weht im Juli ein doch sehr frischer Bergwind. Ein Schluck heisse Schokolade hilft. Wir entscheiden uns für eine Weiterfahrt in Richtung Italien hinunter, mit Ziel Domodossola.

Die Abfahrt beginnt rasant, aufgrund sehr übersichtlichen Kurvens kommen hier besonders Speed Junkies auf ihre Kosten. Ein Blick auf meinen Geschwindigkeitsmesser zeigt über 60 km/h an. Jenen von Fabian möchte ich lieber nicht sehen 😉. Wir fahren weiter durch das Dorf Simplon sowie durch die imposante und äusserst sehenswerte Schlucht von Gondo bis wir schliesslich Domodossola erreichen und prompt einen Zug erwischen.

In einer knappen halben Stunde geht’s durchs Simplontunnel ohne Halt zurück nach Brig. Für Pässesammler eine lohnende Alternative zum Reiseprogramm, wie wir finden.

Tag 4: Ins Obergoms

Die Zeit läuft, wir müssen das hübsche Brig bereits wieder verlassen. Unsere vierte Etappe führt uns nach Obergesteln, was zum obersten Teil des Wallis, dem Obergoms gehört. Luftlinienmässig nicht einmal so weit entfernt. Doch ganz so einfach wird es nicht.

Nach nur sieben Kilometer geradeaus gibt Fabian das Zeichen, dass wir links abbiegen. Es geht hinauf (ja, wie könnte es anders sein). So gewinnen wir wiederholt an Höhe, sind uns mittlerweile gewohnt. Der höchste Punkt soll das Dorf Betten sein, von wo aus der Gondel zur Bettmeralp (Aletsch Region) hochfährt. Wieder kommen wir in den Genuss von herrlichen Ausblicken auf die andere Seite des Rhonetals und aufs Tal selbst hinab.

Mittlerweile wurde das Tal enger, und die Rhone heisst im Goms noch Rotten. Nach Betten folgt leider ein etwas längerer Kiesweg. «Roadies» nehmen deshalb eventuell besser die Route unten durchs Tal.

Nach dem Offroadabschnitt werden wir immerhin mit einer kurvenreichen, schönen Abfahrt belohnt. Nun befinden wir uns im Landschaftspark Binntal. Welcher die Gemeinden Binn, Ernen, Grengiols, Bister, Niederwald und Blitzingen umfasst und vor allem durch seine Mineralien und Kristalle bekannt geworden ist. Wird dabei ab Niederwald dem ausgeschilderten Radweg gefolgt, muss nochmals ein Abschnitt auf Schotter und Kies gefahren werden. Auch hier empfiehlt es sich allenfalls, der Hauptstrasse zu folgen.

Nach einer letzten Verschnaufpause in Blitzingen nehmen wir den letzten Abschnitt nach Oberwald in Angriff. Für heute haben wir genug. Für noch sportlichere Velofahrer ist der Grimselpass nur noch einen Katzensprung entfernt. Dafür geniessen wir einen «radfreien» sonnigen Nachmittag auf unserem Hotelbalkon. Das Leben kann so schön sein… 😊

Leider verspricht die Wettervorhersage für den nächsten Tag nicht allzu viel Gutes. Dabei stünde das Highlight der Radwoche auf dem Programm: Die Rundtour über drei Alpenpässe. Nufenen, Gotthard und Furka! Nur schon die Namen der Pässe lässt wohl jedes Radlerherz höherschlagen.

Tag 5: Pause

Am nächsten Morgen regnet es leider tatsächlich. Ganz nach dem Motto «das Leben ist zu kurz, um bei schlechtem Wetter Rad zu fahren» verzichten wir auf die Tour und schlafen aus. Ein Spaziergang ins Dorf Obergoms entschädigt uns zwar nicht für die Pässe, lüftet aber unsere Köpfe und lockert die bereits deutlich ermüdeten Beine. Wir planen, die Tour über die Pässe am darauffolgenden Tag nachzuholen. Der Wetterbericht lässt dies zumindest zu. Dafür lassen wir die letzte vorgesehene Route hoch ins Binntal und zurück zum Ausgangspunkt Susten bei Leuk aus.

Tag 6: Königsetappe über drei Alpenpässe

Es ist soweit! Heute werde ich das erste Mal drei Pässe am Stück fahren. So meine Beine auch wollen – zumindest mein Kopf will es. Wir brechen frühzeitig auf und befinden uns ehe wir uns versehen, bereits in der Auffahrt zum Nufenenpass. Das Zauberwort für heute heisst «Einteilen», schön gleichmässig hochfahren und nicht von Anfang an Rekordzeiten fahren. Ich lasse mir deshalb Zeit und geniesse die Auffahrt.

Der «Nufenen» verbindet das Dorf Ulrichen im Wallis mit Airolo im italienischsprachigen Tessin. Bereits von weit unten ist in grosser Höhe eine Staumauer in Sicht. Diese lassen wir jedoch rechts liegen. Die Passstrasse zweigt noch weit unterhalb dieser Mauer ostwärts ab und bringt einem hoch bis auf knapp 2'500 m.ü.M.

Der erste Anstieg ist gemeistert, als Belohnung folgt die lange Abfahrt durch das Val Bedretto, bis Airolo ins Sichtfeld rückt. Ganz erreichen wir Airolo jedoch nicht, wir biegen bereits vor dem Dorfeingang nordwärts ab und folgen dem Wegschild «Gotthardpass». Die berühmtberüchtigte Tremola will bezwungen werden!

 

Paris-Roubaix-Feeling par excellence. Über Pflastersteine fahren wir hoch, wo zu anderen Zeiten die Postkutsche unterwegs war. Im spektakulärsten Abschnitt überwindet die Strasse auf eine Länge von vier Kilometern 300 Höhenmeter in 24 (fotogenen) Kehren. Kurz vor der Passhöhe fühle ich mich in die Vergangenheit zurückversetzt, es kreuzt uns eine originalgetreue Postkutsche, vorweg eingespannt vier Pferde. So viel PS hätte ich nun auch gerne! Auf der Passhöhe oben ist einiges los, man merkt, dass Ferienzeit ist und wir uns auf einer wichtigen Nord-Süd-Passage befinden.

Mit einem Sandwich gestärkt fahren wir weiter, da wir uns vorgenommen haben, keine grossen Pausen einzulegen, um im Tritt drinzubleiben. Hinab geht’s auf der ausgebauten Passstrasse nach Andermatt. Doch auch Andermatt wird nicht ganz erreicht, wir nehmen die Höhenmeter mit und biegen bereits bei Hospental wieder ab, in Richtung Westen nach Realp. Wie herrlich – und kommen in den Genuss von Rückenwind – danke! Nach einer flachen Passage erreichen wir Realp.

Der letzte grosse Anstieg für heute steht an. Meine Beine fühlen sich glücklicherweise verhältnismässig gut an. Nun kommt sogar bereits die erste Vorfreude auf meine Leistung. Ich lasse Fabian wiedermal davonziehen und nehme mein gewohntes Passtempo auf – später hole ich ihn wieder (vielleicht), wenn er zu schnell losfährt…

Ich lasse den Kanton Uri hinter mir und komme dem Kanton Wallis wieder näher. Mit einer Passhöhe von 2431 m.ü.M. gehört der Furka zu den höchsten Alpenpässen der Schweiz. Naja, das beste kommt wohl zum Schluss. Vor allem der untere Teil des Passes hat es nochmals ganz schön in sich. Steigungsprozente von bis zu 12 Prozent erfordern nochmals viel Kraft.

Ab dem Restaurant Tiefenbach wird es flacher und die Passhöhe ist nun bereits erkennbar. Typische Kehren folgen nun fast keine mehr. In mir steigt ein Hochgefühl hoch, das ich sonst nur vom Siegeinlauf an Laufwettbewerben kenne. Andere würden es wohl als Adrenalin bezeichnen.

Wir geniessen die letzten Meter gemeinsam und erreichen jubelnd und mit einem grossen Lachen im Gesicht – und ehrlicherweise auch mit etwas Stolz - die Passhöhe. Ein letztes Passschildfoto muss her! Der Ausblick vom Furkapass in Richtung Grimselpass und Gletsch ist einmalig, kein Wunder führt hier die Grandroute der Schweiz vorbei und wurden hier schon Szenen für einen James Bond-Film gedreht.

Auf der rasanten Abfahrt passieren wir das Hotel Belvédère, von wo aus sich ein schöner Blick in Richtung Rhonegletscher eröffnet. Durch die Klimaerwärmung hat er jedoch einiges von seiner spektakulären Grösse eingebüsst und ist deshalb nur noch knapp sichtbar. Wir fahren weiter ab nach Gletsch, wo wir uns als Belohnung Kaffee und Kuchen genehmigen.

Ganz am Ende unsere Kräfte sind wir noch nicht. Wir entscheiden uns für eine Weiterfahrt nach Brig. Das himmlische Kind meint es gut mit uns, es bläst uns das Obergoms hinab. Dank diesem sind auch die einzelnen Gegenanstiege gut zu meistern und Brig, rund 40 km von Obergoms entfernt, in einer guten Stunde erreicht. Bei einem superfeinen Burger (& Bier) in der Altstadt von Brig zelebrieren wir die heutige Königsetappe aber auch die gesamte Woche.

Unser Fazit

Das Wallis und im speziellen diese Tour führt Rennradfahrer durch interessante Gegenden und teils über eher unbekannte Routen. Auch abgesehen von den klingenden Namen wie den Alpenpässen gibt es sehr lohnenswerte Strecken. Die Ausblicke zu den grossen Bergen, den authentischen kleinen Alpendörfer und den klaren Gewässern sind wunderschön und motivierend. Für gut trainierte Radfahrer eine attraktive und sportlich fordernde Woche. Wir melden uns nun ab und geniessen einige radfreie und erholsame Tag in Zermatt. Die Wanderschuhe sind schon geschnürt 😊 Bis zum nächsten Mal und ein herzliches Dankeschön für die Tour und perfekte Organisation an Eurotrek!  

Genaue Details zur Route auch ersichtlich unter meinem Profil auf: https://www.strava.com/athletes/29827966 Leiden schafft Leidenschaft 😉 Priska

 

Veloferien im Wallis

Mittelschwer
Schweiz

Rennveloferien Verborgene Schätze im Oberwallis

7 Tage | Individuelle Einzeltour
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